Alternatives Kulturzentrum Ziel des NSU?

NSU in Kassel: Wollte das Terrortrio in diesem Kulturzentrum morden?

Im Kleinen Onkel in der Mombachstraße in der Nordstadt Kassel befand sich früher das Kulturprojekt Haus.
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23 Jahre lang residierte in der Mombachstraße 47 das Kulturprojekt Haus. Heute ist in dem historischen Gebäude der Techno-Club Kleiner Onkel.

Neun Jahre nach dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) kommt heraus, dass auch ein Kasseler Kulturzentrum potenzielles Ziel des Terrortrios gewesen sein könnte. Von den Behörden wurden die Betreiber nicht informiert.

  • Ehemaliges Kulturprojekt Haus in Kassel könnte mögliches Ziel des NSU gewesen sein
  • Beamte finden Stadtpläne von Kassel in abgebrannter Wohnung des NSU-Terrortrios in Zwickau
  • Kasseler Verein Weltsubkulturerbe kritisiert Ermittler: „Wir wurden nicht befragt“

Kassel - Vier Jahre nach dem Ende des Kulturprojekts Haus blickt Tim König plötzlich ganz anders auf die Veranstaltungsstätte in der Mombachstraße in Kassel. Das Haus, so kam heraus, könnte ein mögliches Ziel des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gewesen sein. „Hätten wir das damals gewusst, hätten wir einige Veranstaltungen womöglich abgesagt“, sagt König vom Verein Weltsubkulturerbe, der in dem Gebäude in der Nordstadt Kassels Konzerte, Lesungen, Filmabende und Partys veranstaltete.

Stadtpläne von Kassel in abgebrannter NSU-Wohnung gefunden

Öffentlich gemacht hat die brisante Nachricht der Journalist Martin Steinhagen in der „Frankfurter Rundschau“. Er zitierte aus Ermittlungsakten zur Mordserie des NSU. Demnach fanden die Beamten in der abgebrannten letzten Wohnung des NSU-Terrortrios in Zwickau Stadtpläne von Kassel, in denen mehrere Orte verzeichnet waren. An einigen Punkten steht „Ali“, was eine rassistische Bezeichnung für ein weiteres potenzielles Opfer von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gewesen sein könnte.

Ganz in der Nähe des Internet-Cafés in Kassel, in dem der Betreiber Halit Yozgat am 6. April 2006 hingerichtet wurde, sind ein Pfeil und das Wort „Haus“ notiert – eben an dem Standort, wo das Haus von 1993 bis 2016 Treffpunkt der linksalternativen Kulturszene in Kassel gewesen ist. Auch andere Orte wie der Sitz des iranischen Kulturvereins im Schlachthof in Kassel sind in der Karte verzeichnet, die die Polizisten im Brandschutt in Zwickau fanden. Zschäpe hatte das Haus am 4. November 2011 in der sächsischen Stadt nach dem Suizid ihrer beiden Mitbewohner abgefackelt.

NSU in Kassel: Betreiber des Kulturprojektes Haus wurden nicht informiert

König und seine Mitstreiter aus dem Kasseler Verein Weltsubkulturerbe waren „baff“, als sie das lasen. Ihr Haus mit dem großen Namensschild an der Wand lag nur 250 Meter von Halit Yozgats Internet-Café in Kassel entfernt. „Den Ermittlungsbehörden muss klar gewesen sein, dass mit der Markierung in den Plänen des NSU unser Kulturprojekt gemeint gewesen sein könnte“, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins.

Trotzdem sei niemand von ihnen befragt worden: „Es erfolgte keinerlei Information an uns, dass wir in den Aufzeichnungen des NSU zusammen mit anderen potenziellen Anschlagszielen in Kassel zu finden sind. Dies ist ein Ermittlungsversäumnis, welches aufgearbeitet werden muss.“

Hessen: Kulturprojekt Haus in Kassel Anschlagsziel des NSU?

Dass das Haus in der Mombachstraße in Kassel ein alternatives Kulturzentrum war, war von außen nicht sichtbar. Um es als „potenziellen Anschlagsort“ auszumachen, hätten die Terroristen des NSU ortskundig in der Nordstadt recherchieren müssen, wie es in der Mitteilung heißt. Kenner der rechten Szene vermuten seit Langem, dass der NSU in Kassel, das schon damals als Neonazi-Hochburg galt, ein Unterstützernetzwerk gehabt haben muss.

Halit Yozgat war 2006 das mutmaßlich letzte Opfer des NSU.

Auch König glaubt mittlerweile an Helfer, die den Mord an Halit Yozgat in Kassel erst möglich machten. Und er kritisiert die Ermittler: „Ich kann jetzt viel mehr nachvollziehen, dass viele Menschen das Vertrauen in die Behörden verloren haben.“ Vom Generalbundesanwalt, der für den NSU zuständig ist, gab es nach neuen Erkenntnissen bislang keine Aussage. Eine entsprechende Anfrage blieb unbeantwortet.

NSU in Kassel: Angst des Kulturvereins ist geblieben

Das Haus als Kulturprojekt in Kassel gibt es nicht mehr. Weil der neue Besitzer die Miete anheben wollte, zog die Initiative 2016 nach 23 Jahren aus. Heute residiert in der Mombachstraße 47 der Techno-Club Kleiner Onkel.

Der Verein Weltsubkulturerbe hat sein neues Zuhause im Sandershaus im Kasseler Stadtteil Bettenhausen gefunden, wo die zehn Mitglieder mit Helfern nach wie vor Konzerte und Kunstveranstaltungen organisieren.

Die Angst nach den Enthüllungen der neuen Erkenntnisse bezüglich des NSU ist jedoch geblieben. In der Pressemitteilung steht der Hinweis: „Bitte gehen Sie mit unseren Kontaktdaten sehr verantwortungsvoll um und geben Sie sie nicht an Dritte weiter.“ (Von Matthias Lohr)

Video: NSU-Prozess - Das ist Beate Zschäpes Geschichte

Gute Nachrichten im Sommer 2018: Beate Zschäpe muss lebenslang ins Gefängnis. Das ist die einhellige Meinung nach dem NSU*-Urteil. Mit der Aufarbeitung sind viele aber nicht zufrieden.

Um der Ermordung des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat zu gedenken, hatte sich die Stadt Kassel* im vergangenen Jahr ein neues Format überlegt. *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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