Betreiber des Internetcafés wurde am 6. April 2006 ermordet

Wie der Mord an Halit Yozgat Kassel erschütterte

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Massenauflauf auf der Holländischen Straße: Hier wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat ermordet. Auf dem Foto zu sehen ist das Haus mit der Hausnummer 84. Das Internetcafé befand sich im Haus rechts neben diesem.

Kassel. Heute ist das Urteil im Prozess gegen die Mitglieder des NSU gefallen. Eines der Opfer war Halit Yozgat, der 2006 in Kassel ermordet wurde. Die Tat beschäftigt die Menschen in der Stadt bis heute.

Nach mehr als fünf Jahren und endlosem juristischen Hickhack hat das Münchner Oberlandesgericht heute das Urteil im Prozess gegen die Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) verkündet. Die Richter wollten einen juristischen Schlussstrich ziehen unter die Aufarbeitung einer rassistisch motivierten Mord- und Anschlagsserie, die die Republik erschütterte, laut Anklage verübt von einer jahrelang unbehelligt im Untergrund lebenden Neonazi-Zelle: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Zschäpe ist das Gesicht des NSU geworden. Sie war die Hauptangeklagte in diesem Mammutverfahren, das in die deutschen Geschichtsbücher eingehen wird, schon allein als einer der aufwendigsten Indizienprozesse der vergangenen Jahrzehnte. Ihre beiden Freunde sind tot. Sie nahmen sich am 4. November 2011 nach einem gescheiterten Banküberfall das Leben. Zu den Opfern des NSU zählt auch Halit Yozgat, der am 6. April 2006 in Kassel ermordet worden war. Wir werfen einen Blick auf diesen Tag und das Leben heute rund um den Tatort.

Halit Yozgat: Der Tag, an dem er starb

Cakip Diker hat im Winter Jubiläum gefeiert. Seit 50 Jahren nun schon besteht seine Schneiderei an der Holländischen Straße. Wie die Zeit vergeht, hat er in einem Spruch festgehalten, der an der Wand hängt – auf Deutsch und auf Türkisch: „Das Leben ist wie ein Traum. Es kommt und geht wie der wehende Wind.“ Diker hat über all die Jahre viel erlebt hier und in der Nachbarschaft. Doch nichts war so erschreckend, so unfassbar, so traurig wie das, was am 6. April 2006 passierte.

Der 6. April 2006. Ein Donnerstag. Wolfgang Jungnitsch ist damals Pressesprecher der Kasseler Polizei. Als er am späten Nachmittag in die Holländische Straße kommt, denkt er, dass dort ein Raubüberfall stattgefunden hat. Es gibt ein Opfer, einen jungen Mann, 21 Jahre alt. Sein Name: Halit Yozgat. Dessen Vater hatte ihn um kurz nach 17 Uhr auf dem Boden des Internetcafés gefunden, das Halit Yozgat betreibt, Holländische Straße 82. Jungnitsch weiß am Anfang nicht, ob das Opfer schwer verletzt oder getötet worden ist. Für Halit Yozgat kommt aber jede Hilfe zu spät. Als Jungnitsch das erfährt, merkt er, wie bedrückend die Situation ist.

Halit Yozgat: Kassel als Tatort

Die Nachricht spricht sich schnell herum. Dort auf der Holländischen Straße, wo normalerweise Auto an Auto fährt, stehen nun Menschenmassen, als sei ein ganzer Stadtteil zusammengekommen. „Das war ein Riesenauflauf. Die Leute waren alle scharf auf Informationen“, erinnert sich Jungnitsch. Wo die Kameras der eintreffenden Fernsehteams und Fotografen sind, da sind auch die Schaulustigen. Mit Bändern sperrt die Polizei den Tatort großräumig ab, die Holländische Straße ist nur noch stadtauswärts befahrbar.

„Es war eigenartig“, beschreibt auch Winfried Aufenanger die Lage. Er leitet damals das dritte Polizeirevier und kommt nur durch Zufall am Tatort vorbei – auf dem Heimweg vom Lauftraining. Er hilft schließlich, den Menschenauflauf unter Kontrolle zu bringen. Männer und Frauen stehen auf der Straße und auf dem Bürgersteig, trauern, weinen – und stellen sich vor allem eine Frage: Warum nur?

Das kommt auch in den Zeitungsartikeln der nächsten Tage zum Ausdruck – zumal es kein Motiv zu geben scheint. „Die Nordstadt trägt Trauer“, lautet eine Überschrift. In dem Text werden auch Fragen formuliert, die bei den Menschen vor Ort aufkommen und die von Angst zeugen: „Kommt der Täter aus dem Viertel? Oder ist Halit Y. Opfer eines Serienmörders geworden, der europaweit agiert und der es auf türkische Kleinunternehmer absieht? Es gibt nur Gerüchte.“ Erst Tage später wird der Mord an Halit Yozgat in Verbindung gebracht mit einer deutschlandweiten Mordserie. Es braucht Jahre für die ganze Wahrheit.

Blick ins Zeitungsarchiv: die Berichterstattung in der HNA am Samstag, 8. April 2006.

Und heute? Heute soll es ein Urteil geben gegen die Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund – nach einem Prozess, der fünf Jahre dauerte. Winfried Aufenanger denkt vor allem an die Angehörigen und wie schlimm es für sie all die Zeit gewesen sein muss. „Ich wünsche ihnen, dass sie innerlich Frieden finden können.“ Wolfgang Jungnitsch indes glaubt nicht, dass der Fall mit dem heutigen Urteil abgeschlossen sein wird.

In den Räumen des Internetcafés gibt es heute Kasseler Stadthonig; daneben steht ein Ladenraum leer, ansonsten geht hier alles seinen Gang. Das bestätigt auch Silvia Sander-Carle vom Blumenladen gegenüber, der einen Blick bietet auf den Halitplatz – benannt nach Halit Yozgat. Silvia Sander-Carle sagt, sie habe immer noch ein mulmiges Gefühl, wenn sie an damals denke. „Man hat mehr Ängste.“

Cakip Diker von der Schneiderei an der Ecke hat nach jenem 6. April 2006 Videokameras in seinen Laden installiert. Unmittelbar nach dem Mord hatte er sich gegenüber der Zeitung so geäußert: „Natürlich macht man sich Gedanken, dass es einen selbst hätte treffen können. Aber was will man machen?“ Er kannte Halit Yozgat ganz gut. „Er war sehr nett, immer freundlich.“ Cakip Diker sagt das so, als könne er immer noch nicht verstehen, was damals passiert ist. Aber wer kann das schon?

Cakip Diker geleitet einen zur Tür, neben der dieser Spruch zu sehen ist: „Das Leben ist wie ein Traum. Es kommt und geht wie der wehende Wind.“

Kasseler Demonstranten in München

Zur Urteilsverkündung in München werden auch Demonstranten aus Kassel anreisen. Sie gehören zur Initiative 6. April, für die auch "nach fast fünf Jahren NSU-Prozess und einem hessischem Untersuchungsausschuss zentrale Fragen weiterhin nicht beantwortet" sind - unter anderem die Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme, der zur Tatzeit in Halit Yozgats Internetcafé gewesen sein soll. (mit dpa) 

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Unsere große Multimedia-Reportage zum Fall Haliz Yozgat aus dem Jahr 2016 finden Sie hier:

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