Gericht rollt den Kasseler NSU-Mord noch einmal auf

Die Angeklagte Beate Zschäpe. Foto: dpa

Schon einmal hat sich das Münchner Oberlandesgericht im NSU-Prozess mit dem Mord an Halit Yozgat beschäftigt. Jetzt sind Telefon-Mitschnitte aufgetaucht, die den Fall erneut ins Verfahren bringen.

Im NSU-Prozess hat das Gericht erneut den Mord in einem Kasseler Internetcafé aufgerollt. Als Zeugen waren am Mittwoch vor das Oberlandesgericht München drei Beamte des hessischen Verfassungsschutzes geladen. Bei dem Mord am 6. April 2006 war ein V-Mann-Führer des Verfassungsschutzes am Tatort und daher vorübergehend unter Mordverdacht geraten. Der Mord war der letzte mit der Mordwaffe "Ceska". Ein Jahr später wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn als mutmaßlich letztes NSU-Mordopfer umgebracht. Bei dieser Tat wurden andere Waffen verwendet.

Anlass für die neuerliche Beweiserhebung zum Kasseler Mord waren inzwischen aufgetauchte Telefonmitschnitte der Polizei. Die Ermittler hatten das Telefon des verdächtigen V-Mann-Führers Andreas T. überwacht. Dabei schnitten sie auch Gespräche T.s mit seinen Kollegen mit, die am Mittwoch darüber aussagen mussten.

Die Gesprächsmitschnitte spielte das Gericht in der Verhandlung vor. Einmal unterbrach der Richter und fragte die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, ob sie "bei der Sache" sei. Sie antwortete zwar leise, aber hörbar mit "ja". Es war das erste Mal in dem Prozess, dass ihre Stimme im Gerichtssaal zu hören war. Zschäpe muss sich als Mittäterin für die Mordserie verantworten.

Ein früherer Vorgesetzter von Andreas T. sagte, schon damals - 2006 - habe der Verfassungsschutz einen rechtsradikalen Hintergrund der Mordserie für möglich gehalten. "Man hat alle Möglichkeiten damals erwogen und Rechtsextremismus ist eine, die damals im Vordergrund stand." Er schränkte ein: "Aber nicht ausschließlich." Einer der beiden anderen Zeugen stellte das anders dar und sagte: "Wir hatten keinen Hintergrund, wer das Tötungsdelikt in Kassel begangen haben kann." Man habe den Mord "für einen ganz normalen Kriminalfall" gehalten.

Artikel aktualisiert um 18 Uhr

In den Mitschnitten war zu hören, wie T. bei seinen Kollegen Rat suchte oder sich über Privates austauschte. Einer seiner Vorgesetzten schlug ihm vor, er solle in einer dienstlichen Erklärung alles aufschreiben "wie es war". Einer der anderen Kollegen wiederholte am Telefon mehrmals, beruflich habe T. nichts zu fürchten, da habe man "alles im Griff". Nur privat habe er "Mist gebaut". T. hatte nach eigenem Eingeständnis in dem Internetcafé auf einer Chat-Seite eine Affäre angebahnt, während seine Frau schwanger war.

Das Gericht hatte über den Kasseler Mord schon einmal im Oktober 2013 verhandelt. Nach den drei Verfassungsschutzbeamten sind weitere Zeugenaussagen geplant. Auch der damals verdächtige Andreas T. muss erneut in München aussagen.

Zschäpe verfolgte die Verhandlung wie am Vortag schweigend. Nur zu Beginn erwiderte sie den Gruß ihres Anwalts Wolfgang Heer. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl teilte mit, Zschäpe habe um eine um 24 Stunden verlängerte Frist gebeten, um zu der von ihr geforderten Abberufung ihrer Verteidigerin Anja Sturm Stellung zu nehmen. Das Gericht habe die Frist verlängert. Ursprünglich hätte sich Zschäpe bis Mittwoch, 15.00 Uhr, äußern müssen. (lhe)

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