NSU-Prozess: Zeuge sah den Schatten des Mörders

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Der Tatort an der Holländischen Straße 82: Die Polizei sperrte den Bereich rund um das Internetcafé am 6. April 2006 ab.

München / Kassel. Als Kommissar Karl-Heinz G. am 6. April 2006 um kurz vor 18 Uhr das Internetcafé an der Holländischen Straße betritt, bietet sich ihm ein grauenhafter Anblick. „Ich habe das Opfer auf dem Rücken liegend, mit blutverschmiertem Gesicht vorgefunden“, berichtet der 63-Jährige.

G. war der erste Beamte der Mordkommission am Einsatzort, als Halit Yozgat, der Inhaber des Internetcafés, kaltblütig erschossen wurde. Seit heute wird der Kasseler Mord im Prozess gegen Beate Zschäpe und die vier mutmaßlichen Helfer der rechten Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) vor dem Oberlandesgericht München aufgerollt. Yozgat war das neunte von zehn Opfern, die der NSU ermordet haben soll.

In nüchternen Worten

Karl-Heinz G. und ein Kollege berichten in nüchternen Worten, wie sie die Situation am Tatort und die Ermittlungen in den Wochen danach erlebten. Zschäpe sitzt derweil mit verschränkten Armen auf ihrem Platz ganz vorne rechts auf der Anklagebank und starrt geradeaus. Die Beamten sieht sie nicht an.

Als Kommissar G. im Internetcafé ankam, lag die Leiche von Halit Yozgat mitten im Raum. Yozgats Vater hatte seinen Sohn hinter dem Tresen gefunden, ein jugendlicher Kunde zog ihn dahinter hervor und versuchte noch, Erste Hilfe zu leisten – doch es war zu spät. Mit zwei Schüssen in den Kopf sollen die Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den 21-Jährigen förmlich hingerichtet haben. Es habe keine typischen Abwehrverletzungen an der Leiche gegeben, berichtet der Kommissar. So überrascht war Yozgat von dem plötzlichen Angriff.

Detailliert beschreiben die Polizisten den Tatort. Ein Zeuge, der gerade in einer der Telefonkabinen mit dem Rücken zum Tresen gestanden habe, erzählte der Polizei, dass er „etwas Dumpfes gehört hat, wie Luftballons, die platzen“. Aus dem Augenwinkel sah er einen Schatten, der schnell verschwand – wohl einer der Täter.

Karl-Heinz G. hatte in den folgenden Wochen die Aufgabe, das Umfeld und die Familie des Opfers unter die Lupe zu nehmen und nach möglichen Motiven zu suchen. Das Verhältnis zu den Verwandten sei „von Anfang bis Ende sehr harmonisch, kooperativ und vertrauensvoll“ gewesen.

Das sehen die Angehörigen des Opfers anders, die sich von ihren Anwälten im NSU-Prozess als Nebenkläger vertreten lassen. Laut den Akten wurden nicht nur die Telefone der Familie überwacht, auch ein verdeckter Ermittler kam zum Einsatz. Immer wieder fragen die Anwälte nach, warum nicht stärker in Richtung eines ausländerfeindlichen Motivs ermittelt wurde. Die Antworten von Karl-Heinz G. bleiben vage. Der Vater des Ermordeten habe ihm gegenüber nie den Verdacht geäußert, dass Ausländerhass das Motiv sein könnte, dennoch sei in alle Richtungen ermittelt worden.

Andreas T. als Zeuge

Auch in der kommenden Woche bleibt der Kasseler Mordfall im Fokus des NSU-Prozesses. Am Dienstag soll unter anderem Andreas T. aussagen. Der ehemalige Mitarbeiter des Verfassungsschutzes saß während der Tat im Internetcafé, meldete sich aber zunächst nicht bei der Polizei. Sein Auftritt vor Gericht wird mit Spannung erwartet.

Von Philipp Vetter

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