Menschen vor Gericht

Bewährungsstrafe: 41-Jähriger nötigte Stieftochter zu Nacktfotos

Kassel. Eigentlich lässt sich Jan Pree kaum aus der Ruhe bringen. Der Richter am Amtsgericht ist ein freundlicher und gelassener junger Mann. Doch die Ruhe verließ ihn, als er einen 41-Jährigen, der seine Stieftochter zu Nacktaufnahmen gezwungen hat, am Dienstag zu einer Bewährungsstrafe von dreieinhalb Monaten verurteilte.

Zu den dreieinhalb Monaten Bewährungsstrafe kommt eine Geldbuße von tausend Euro hinzu.

„Da hat man diese Bilder in der Akte“, schimpfte Pree und hielt den Ordner in die Luft. „Und dann höre ich, dass das die Idee des Mädchens gewesen sein soll, weil es damit Geld habe machen wollen.“ Das, befand der Richter, schlage dem Fass den Boden aus. „Da fehlen mir die Worte.“

Und, so wäre zu ergänzen, die Handhabe für ein schärferes Urteil. Zwar zeigte sich Pree überzeugt, dass die heute 20-Jährige seit frühester Kindheit ein Martyrium erdulden musste. Doch aus juristischen Gründen hatte sich die Anklage auf den letzten Fall beschränken müssen. Oder wie der Richter sagte: „Es geht hier nur um die Spitze eines Eisbergs.“

Im April 2007 soll der Angeklagte die damals 16-Jährige wieder einmal zu sich zitiert und mit einer Backpfeife dazu gebracht haben, sich von ihm ausziehen zu lassen. Damit er sie in BH und String-Tanga fotografieren konnte. Strafrechtlich ist das Nötigung und Körperverletzung – und damit nicht allzu schwerwiegend. Staatsanwältin Pia Röde, die es deshalb sogar bei einer Geldstrafe hätte bewenden lassen, betonte jedoch: „Es sind nur juristische Feinheiten, die ihn von der sexuellen Nötigung und dem sexuellen Missbrauch trennen.“ Und damit von einer weitaus härteren Strafe.

Der 41-Jährige hingegen sieht sich als Opfer von Hirngespinsten seiner Stieftochter. Auch wenn er sich eigentlich zu den Vorwürfen nicht äußern wollte, brach sich seine Geringschätzung der jungen Frau immer wieder Bahn – in hämischem Gelächter wie in höhnischen Bemerkungen. Sie habe im Zeugenstand „den sterbenden Schwan“ gespielt, ätzte er und versuchte über seinen Anwalt hartnäckig, die Glaubwürdigkeit der 20-Jährigen anzugreifen, sie als chronische Lügnerin und Betrügerin darzustellen. Mit seiner Forderung nach Freispruch stieß Verteidiger Jens Waechtler freilich auf taube Ohren. Zu eindeutig war das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen ausgefallen, der die Aussage der jungen Frau haarklein untersucht und für glaubwürdig befunden hatte. Und zu eindeutig waren vor allem die Nacktbilder des Mädchens, die bei dem Stiefvater gefunden worden waren. Rechtsanwältin Andrea Eggert, die das Opfer vertrat, sprach von „schockierenden Fotos, die jedem zivilisierten Menschen die Tränen in die Augen treiben würden“. Nur der Angeklagte hielt die Aufnahmen offenbar für völlig normal. (jft)

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