Nur vor 40 Jahren schneite es mehr

Schneemassen in Kassel: Meteorologin spricht von Ausnahmelage

Auch im Winter 1978/79 kam der Verkehr in Kassel zum Erliegen.
+
Blick zurück: Auch im Winter 1978/79 kam der Verkehr in Kassel zum Erliegen.

Solche Schneefälle, wie wir sie am Wochenende und bis Montag erlebt haben, kennen die meisten Kasseler wohl nur aus dem Skiurlaub. Zuletzt hatte es solche Mengen vor über 40 Jahren gegeben.

Kassel – Auch Meteorologin Britta Siebert-Sperl vom Wetterdienst Wetterkontor spricht für Nordhessen von einem „sehr, sehr seltenen Phänomen“. Etwas Extremeres habe es zuletzt im Winter 1978/ 79 gegeben. In den nächsten Tagen, so die Wetterfrau, würden zwar kaum weitere Schneefälle hinzukommen, wegen der Kälte blieben die weißen Massen aber liegen.

Ursache für das Schneechaos, das in kurzer Zeit für 23 Zentimeter Neuschnee im Raum Kassel gesorgt hat, sei das Zusammentreffen von sehr feuchten Luftmassen über Mitteldeutschland und einer extremen Kälte, die von einem Hoch in Skandinavien und Russland in die Region geströmt sei. Wobei der Nordrand der Mittelgebirge, zu dem die Kasseler Berge, aber auch der Harz und die Erhebungen im Sauerland zählten, wie eine Barriere gewirkt hätten, an denen die Wolken hängen geblieben seien. „Da haben sie sich dann ausgeschneit“, sagt Siebert-Sperl.

Schneemassen in Kassel: Problem für Räumdienst

Zusätzlich verstärkt habe die kritische Lage der Wind. Dieser sei auf die großen Temperaturunterschiede in Süd- und Norddeutschland zurückzuführen. Während es im Süden teilweise bis zu 15 Grad warm gewesen sei, habe es im Norden Frost gegeben. „Je größer der Unterschied, desto stärker der Wind. Da hat sich ein richtiger Blizzard, also ein Schneesturm, entwickelt, der für Verwehungen gesorgt hat“, so die Meteorologin. Bei solch einer Wetterlage komme auch der beste Räumdienst an seine Grenzen.

Schon am Dienstag werde sich die Lage beruhigen. Allerhöchstens „einzelne Flocken“ werde es noch geben. Der Himmel bleibe aber die meiste Zeit bedeckt, weshalb die Sonne den Schnee nicht zum Schmelzen bringen werde. „Die Nächte werden im Raum Kassel eisig sein. Bis zu minus 15 Grad. Und auch tagsüber wird das Thermometer nicht über minus acht Grad steigen“, sagt Siebert-Sperl.

Ursache für die frostigen Temperaturen sei das Hoch über Ost- und Nordeuropa, dessen Einfluss in der Region noch zunehmen werde. Erst zum Sonntag werde es mit bis zu minus zwei Grad nur ganz langsam etwas milder.

Die aktuelle Schneedecke, werde also vorerst nicht weichen, sondern nur etwas zusammensacken. Ein geringer Anteil sublimiere auch. Das bedeute, er gehe wieder in den gasförmigen Zustand über. Dies geschieht dann, wenn die Luft um den Schnee noch Feuchtigkeit aufnehmen kann.

Wegen der trockenen Kälte werde der Schnee insgesamt aber locker bleiben. Lediglich an der Oberfläche würden sich durch die Nachtfröste Krusten bilden. Der Vorteil: Wenn auf die Schneemassen feuchte Luft treffen würde, wäre dies für manches Dach ein Belastungstest, so die Meteorologin. (Bastian Ludwig)

Schon einmal gab es Nordhessisch-Sibirien

Wer jünger als 40 Jahre ist, wird solche Schneemassen in der Kasseler Innenstadt wohl noch nicht gesehen haben. Doch wer älter ist, der hat zuletzt im Winter 1978/79 erlebt, wie Nordhessisch-Sibirien seinem Spitznamen zuletzt gerecht wurde. So wurde am 14. Januar 1979 in Kassel eine Schneehöhe von 39 Zentimetern gemessen. Zum Vergleich: Am Montagmittag waren es nach Daten der regionalen Wetterstation in Elgershausen 23 Zentimeter.

Das als Jahrhundertwinter bezeichnete Ereignis vor mehr als vier Jahrzehnten hatte in Kassel extreme Auswirkungen. Mit über 40 Lastwagen musste der Schnee auf Sammelplätze gefahren werden. Fast eine Million DM kostete die Stadt Kassel die Räumaktion. Bei Temperaturen von fast minus 20 Grad trieb Packeis auf der Fulda. Mithilfe von Schiffen wurde das Eis zerstört.

Weil der innerstädtische Verkehr auch damals fast überall zum Erliegen gekommen war, gab es Kritik von den Bürgern am Räumdienst.

Annähernd starke Schneefälle wie aktuell gab es zuletzt 2010. Mit einer Schneehöhe von bis zu 19 Zentimetern am 22. Februar 2010 wurde aber nicht ganz das derzeitige Niveau erreicht, teilt der Wetterdienst Wetterkontor mit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.