Interview mit NVV-Chef

Hessenweite Tickets für Senioren - Der Vorverkauf startet Montag

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Steffen Müller, neuer Geschäftsführer des NVV

Mit dem Bus und der Bahn durch ganz Hessen reisen. Genau das soll für Senioren nun für wenig Geld möglich werden. Und zwar mit den hessenweiten Seniorentickets.

Steffen Müller ist seit Oktober Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV). Im Interview spricht er über das Seniorenticket und mögliche neue Angebote.

Herr Müller, am Montag startet der Verkauf des hessenweiten Seniorentickets: Mit welcher Resonanz rechnen Sie?

Ich rechne damit, dass dieses Seniorenticket gut angenommen wird. Als NVV haben wir ja bereits 2007 unser Seniorenticket eingeführt. Wir haben damit also Erfahrung, die durchgängig positiv ist. Und die Gruppe der Über-65-Jährigen wird bei diesem noch einmal attraktiveren Angebot hoffentlich richtig zuschlagen. Aus unserem Abo-Vertrieb habe ich gehört, dass es schon sehr viele Nachfragen gab.

Sind denn die Senioren jetzt die Hauptzielgruppe, die Sie erreichen wollen?

Die Senioren stellen in der Gesellschaft die Gruppe mit dem höchsten Autoanteil. Das bedeutet, dass wir in dieser Gruppe die größte Chance sehen, sie mit einem attraktiven Angebot dazu zu bewegen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. 

Wir gehen von einem großen Potenzial aus. Grundsätzlich sind die Senioren auch deswegen für uns als Zielgruppe interessant, weil sie für ihre Enkel eine Vorbildfunktion haben. Fahren sie mit Bus und Bahn, wachsen die Enkel ganz natürlich damit auf.

Hessenweite Tickets für Senioren

Andererseits ist es generell nicht ganz so leicht, ältere Menschen davon zu überzeugen, ihre Lebensgewohnheit umzustellen.

Das stimmt. Andererseits befinden sich viele Menschen um die 65 auch in einem Wechsel der Lebensphase. Diese Menschen wollen wir mit unserem Angebot erreichen. Und viele ältere Menschen müssen sich irgendwann auch die Frage stellen, ob es nicht bequemer ist, die öffentlichen Transportmittel zu benutzen – und nicht das Auto. 

Dann müssen sie sich nicht mehr mit vollen Straßen und der Parkplatzsuche auseinandersetzen. Ich sehe das bei meinen Eltern. Die hatten immer beide ein Auto, das war ihnen heilig. Und jetzt fährt mein Vater ganz selbstverständlich mit dem Ortsbus umher.

Geht es für den NVV vor allem dann auch darum, die älteren Menschen bei diesem Schritt hin zum öffentlichen Nahverkehr zu begleiten?

Natürlich. Deshalb sind unsere Informationen nicht nur online vorhanden. Sondern wir haben auch ein Servicetelefon. Und die Idee besteht, dass wir tatsächlich Menschen einstellen, die als Begleiter für ältere Menschen im öffentlichen Nahverkehr tätig sind. Menschen, die den Älteren helfen. 

Wir wollen auch in Fleisch und Blut präsent sein. Dass wir viel für ältere Menschen tun, wird ja auch darin deutlich, dass wir in Sachen Barrierefreiheit im bundesweiten Vergleich gut dastehen.

Hat das Modell des Seniorentickets auch Vorbildcharakter für mögliche weitere Modelle, die dann auf die Zielgruppe der Erwachsenen bis 65 Jahren zugeschnitten sind?

Das Land Hessen hat ja mit dem Schülerticket einer weiteren Gruppe ein Angebot gemacht, darüber hinaus gibt es das Landesbedienstetenticket und das Semesterticket. Was fehlt, ist tatsächlich ein generelles Angebot für die Gruppe dazwischen. Die fragt sich: Wann kommt da was? 

Wir haben immer ein Interesse an günstigen Tickets. Aber wir müssen auch schauen, dass uns das Geld dann nicht an anderer Stelle fehlt und wir auf einmal etwa keine Busse mehr bestellen können. Deshalb müssen wir abwägen und sind auf Geld von Land und Bund angewiesen.

Auf welche Themen setzen Sie als neuer NVV-Chef noch?

Es geht zum einen darum, das Angebot in Nordhessen weiter auszubauen. Das tun wir mit der Erweiterung unserer Offensive des Stundentakts. Das Ziel ist es, dass in jedem Dorf von 6 bis 20 Uhr mindestens einmal in der Stunde der Bus vorbeikommt. Da sind wir im NVV schon gut aufgestellt. 

Zu dieser Angebotsseite gehört auch die Qualität, die bei der Barrierefreieheit anfängt und über Klimaanlagen in den Fahrzeugen hin bis zur Fahrgastinformation geht. Da wird sich weiter viel tun – Stichwort Digitalisierung. Da geht es zum Beispiel auch um kostenloses W-Lan in den Fahrzeugen. Das ist das eine.

Und der andere?

Befasst sich damit, dass wir als NVV Verkehrskonzepte miteinander verbinden. Wir müssen uns beispielsweise auch um sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder kümmern, um unser Angebot mit den Bedürfnissen der Radfahrer zu kombinieren.

Was ist mit der Lossetalstrecke?

Die Diskussion dabei ist, ob wir eine Schnellfahrtstrecke um Oberkaufungen herum starten, um noch schneller von Hessisch Lichtenau nach Kassel zu kommen. Eine Umfahrung würde aber auch bedeuten, dass in Oberkaufungen selbst Haltepunkte wegfallen. Insoweit müssen wir uns dieser Abwägung stellen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Inwiefern drückt sich denn das gestiegene Klimabewusstsein der Gesellschaft in den Fahrgastzahlen aus?

Das Interessante ist, dass die Zahlen stagnieren, obwohl wir schon seit Jahren das Richtige tun. Wir haben bereits viel Elektromobilität und nur ein kleines Netz innerhalb des Verbundes, das nicht elektrifiziert ist. Insgesamt werden wir die Entwicklung hier beobachten und uns die Frage stellen, was mit den zehn Dieselfahrzeugen, die wir noch haben, passiert.

Bisher ist der NVV kein Nutznießer der Klimadebatte?

Die wird sich in den nächsten Jahren auswirken. Für die jungen Leute wird es normal sein, auch dann den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, wenn sie Autofahren dürfen. Unser Ziel muss es dabei sein, das gute Angebot in der Stadt in die Region zu bringen. 

Da geht es dann auch um zusätzliche Haltepunkte. Allerdings müssen wir auch bei einer Angebotserweiterung darauf achten, dass wir genügend Fachkräfte bekommen, um alle Strecken bedienen zu können. Das ist derzeit nicht leicht.

Hinweis: Mehr Informationen zum hessenweiten Senioren-Ticket gibt es auf der Internetseite des NVV

Zur Person

Steffen Müller (41) wuchs in Ahnatal und Wildeck (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) auf, wo sein Vater Willi viele Jahre Bürgermeister war. Sein Abitur machte er 1997 in Rotenburg. Nach seinem Soziologie-Studium in Marburg war der NVV 2003 seine erste berufliche Station. 

Nach zwei weiteren Arbeitsstellen in Bad Hersfeld und Wiesbaden arbeitete Steffen Müller seit Februar 2009 wieder beim NVV. Er war Prokurist und langjähriger Personalleiter. Seit 1. Oktober ist er Geschäftsführer des NVV. Müller ist verheiratet und Vater einer Tochter. Er lebt in Kassel, zieht aber bald nach Ahnatal.

Vorverkauf: Der Verkauf der hessenweiten Senioren-Tickets startet am Montag, 11. November. Gültig sind die Tickets ab 2020.

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