Interview zum documenta-Kunstwerk

Kasseler Kulturdezernentin zum Obelisken: „Standort ist verhandelbar“

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Er bleibt in der Diskussion: Der Obelisk auf dem Königsplatz in Kassel. 

Kassel. Wie geht es weiter mit dem Obelisken? Kassels Kulturdezernentin Susanne Völker äußert sich im HNA-Interview zu diesem Thema.

Frau Völker, jetzt ist die Spendenaktion beendet, und es fragt sich: Wie geht es denn nun weiter mit dem Obelisken?

Völker: Wir haben jetzt einen finalen Spendenstand und eine endgültige Anzahl von Spendern. Das sind die beiden Informationen, die wir Olu Oguibe zukommen lassen. Das wird dann die Grundlage für seine Entscheidung sein.

Wie hoch ist denn der Spendenstand?

Völker: Wir haben einen Spendenstand von 76.153,27 Euro von 629 Spendern plus eine verbindliche Zusage über 50.000 Euro. Wir kommen also auf insgesamt 126.152,27 Euro von 630 Spendern.

Das bedeutet: Zunächst wird nur verhandelt, ob der Obelisk für diese Summe verkauft wird? Oder spielt dann auch der Standort eine Rolle?

Völker: Olu Oguibe bekommt die Summe genannt und hat dann die Möglichkeit, sich grundsätzlich zu entscheiden, ob er sie als Kaufpreis akzeptiert. Er hatte mit 600.000 Euro ja ursprünglich eine andere Zielgröße angestrebt, im Laufe des Prozesses aber signalisiert, dass diese Summe verhandelbar sei.

Wenn er die Summe aber nicht akzeptiert, wird der Obelisk abgebaut?

Völker: Ja, dann hätte er die Entscheidung getroffen, dass es nicht weitergeht.

Und wenn er die Summe akzeptiert?

Völker: Dann gibt es mehrere Möglichkeiten. Denn dann müssen wir auch über den Standort reden, nachdem er ja schon sehr deutlich geäußert hatte, dass ihm der Königsplatz sehr am Herzen liegt. Er hat ihn sich ausgesucht aufgrund seiner Geschichte, seiner Scharnierfunktion zwischen den Stadtteilen und seiner Belebtheit. Aber: Dieser Wunsch bezog sich zunächst auf die Zeit der documenta. Für die Zukunft greifen nun auch andere Kriterien wie die städtebauliche Weiterentwicklung, die Stadtgestaltung und vor allem die Überlegung hinsichtlich weiterer documenta-Ausstellungen.

Für Sie müsste der Standort also verhandelbar sein?

Völker: Für uns als Stadt ist der Standort verhandelbar, ja. Wobei wir natürlich die Intention des Künstlers sehr ernst nehmen. Olu Oguibe möchte nicht, dass der Obelisk marginalisiert und an den Rand geschoben wird. Das wollen wir auch nicht. Aber wir müssen eben auch andere Aspekte bedenken. Und zu diesen Aspekten gehört die Frage, ob wir den Königsplatz genau wie den Friedrichsplatz für künftige documenta-Ausstellungen nicht frei lassen sollten.

Aber ist das nicht ein Argument, das es vor drei Monaten zum Start der Spendenaktion nicht auch schon gegeben hat?

Völker: Wir sind zunächst sehr intensiv auf den Künstler zugegangen. Es war eine wohlwollende Prüfung, ob wir den Standort Königsplatz anbieten können. Aber auch wir haben innerhalb des Prozesses dazugelernt.

Was käme denn als Alternativstandort infrage?

Völker: Da gibt es natürlich Überlegungen, aber zunächst brauchen wir die Rückkoppelung mit Olu Oguibe, ob er sich darauf einlässt, gemeinsam nach einem anderen Standort zu schauen. Es waren ja auch schon diverse andere Standorte in der Diskussion. Mit dem Goethestern zum Beispiel täte ich mich schwer, weil der Obelisk dort in erster Linie eine dekorative Funktion hätte. Auch die Treppenstraße war in der Prüfung, sie ist aber ein in sich historisch funktionierendes Ensemble. Das gilt es zu berücksichtigen.

Was ist mit dem Holländischen Platz?

Völker: Generell muss man schauen, ob der neue Standort die zentralen Kriterien erfüllt: also ein belebter Ort ist, Internationalität und innerstädtische Relevanz hat. Der Holländische Platz erscheint uns deshalb sehr geeignet. Dieser alternative Standort bietet der Idee des Künstlers noch besser Gewähr, wonach der Obelisk mitten im Leben der Menschen verortet sein soll. 

Äußert sich im Interview zum Obelisken in Kassel: Kulturdezernentin Susanne Völker.

Unserer Meinung nach hat der Holländische Platz ähnlich wie der Königsplatz im Zentrum der Stadt Kassel eine besondere städtebauliche und stadtgesellschaftliche Relevanz, ist Mittelpunkt städtischen Lebens und zugleich ein Scharnier zwischen Stadtteilen sowie durch seine Nähe zur Universität Treffpunkt für die internationale, multikulturelle Bürgerschaft. Insbesondere aber wird er durch das künftige dort angesiedelte documenta-Institut ein besonderes Symbol der documenta und ihrer künstlerischen Diskurse.

Es ist aber so, dass der Königsplatz aus der Diskussion raus ist?

Völker: Er wird ja zunächst weiter diskutiert: politisch, mit Olu Oguibe, mit den Bürgerinnen und Bürgern. Wir sind also mitten in der Diskussion.

Also kommt der Königsplatz als Standort auch noch infrage?

Völker: Wir haben uns darüber sehr ernsthafte Gedanken gemacht – und eine Frage hat uns besonders beschäftigt: Wollen wir uns für künftige documenta-Ausstellungen festlegen, was die Bespielung des Königsplatzes anbelangt? Und hier gibt es eine deutliche Tendenz, sich nicht festzulegen, damit andere documenta-Kuratoren genauso frei sind wie die bisherigen.

Und wenn Olu Oguibe bei seiner bisherigen Haltung bleibt und auf den Königsplatz als Standort beharrt?

Völker: Dann würden wir ihm dennoch Alternativen vorschlagen und versuchen, mit ihm in die Diskussion zu kommen. Das Ganze ist ja auch ein gemeinsames Unterfangen, wie die Spendenaktion deutlich gemacht hat. Es gibt hier keine zwei Fronten. Aber natürlich kann sich eine Stadt von einem Künstler nicht die langfristige Stadtgestaltung vorgeben lassen, und bisher konnten nach allen documenta-Ausstellungen immer zufriedenstellend Lösungen gefunden werden.

Wer trifft denn auf städtischer Seite die endgültige Entscheidung?

Völker: Hier sind der Kunstbeirat und der Denkmalbeirat gefragt, letztlich entscheidet die Stadtverordnetenversammlung darüber.

Sehen Sie in der Spendensumme denn überhaupt ein Zeichen der Bevölkerung dafür, dass die Mehrheit für den Verbleib des Obelisken in Kassel ist?

Völker: Die Summe ist zusammengekommen von 630 Spendern. Beim Himmelsstürmer waren es damals 120, beim Penonebaum 603. Das heißt, wir haben es mit einem deutlichen Engagement der Menschen für dieses Kunstwerk zu tun. Das ist das eine. Das andere ist die lebhaft geführte Debatte. Sie ist ein Zeichen, dass der Obelisk den Menschen in der Stadt alles andere als egal ist.

Bei vielen Spendern wird die Spende mit der Erwartung verbunden gewesen sein, dass der Obelisk auf dem Königsplatz bleibt. Was sagen Sie denen jetzt, sollte der Obelisk einen anderen Standort bekommen?

Völker: Wir wollen eine gemeinsame und gute Lösung finden. Aber wir müssen nun erst einmal abwarten, was die Gespräche mit dem Künstler Olu Oguibe ergeben.

Wann wird eine endgültige Entscheidung getroffen sein?

Völker: Das ist schwer zu sagen. Aber wir sprechen eher von Wochen als von Monaten, bis wir aus den Gesprächen mit Olu Oguibe mehr wissen. Wir sind im telefonischen und schriftlichen Austausch mit Olu Oguibe. Möglicherweise werden wir uns dann auch noch einmal gemeinsam einen anderen Standort anschauen. Er muss die Gelegenheit bekommen, sich in Ruhe damit beschäftigen zu können.

Susanne Völker (37), Kassels Kulturdezernentin, wurde in Dresden geboren. Ihr Weg führte sie über Hamburg, Wien, die Pfalz und den Schwarzwald nach Kassel. Zuletzt war Völker Leiterin der Grimmwelt – und machte aus dem Museum eine Erfolgsgeschichte. Zuvor hatte sie die Museen der Stadt Calw geleitet. Susanne Völker (parteilos) hat in Wien und Hamburg Kunstgeschichte, Philosophie, Jura und Museumsmanagement studiert.

Hinweis: Am Donnerstagnachmittag teilte die Stadt mit, der Obelisk solle auf den Holländischen Platz ziehen. Das Interview mit Völker wurde am Donnerstagmorgen geführt.

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