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Boris Palmer und Christian Geselle sind Oberbürgermeister als Einzelkämpfer

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Von: Matthias Lohr

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Tritt wie der Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) gegen eine Kandidatin seiner Partei an: Tübingens Boris Palmer (Grüne).
Tritt wie der Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) gegen eine Kandidatin seiner Partei an: Tübingens Boris Palmer (Grüne). © Marijan Murat/dpa

Am Sonntag will Grünen-Rebell Boris Palmer in Tübingen als Oberbürgermeister wiedergewählt werden. Es gibt einige Parallelen zu Kassels Rathauschef Christian Geselle.

Kassel – Eigentlich müsste Kerstin Linne froh sein, dass Boris Palmer in ihrer Partei ist. Die Grünen-Ortsvorsteherin der Kasseler Unterneustadt ist auf Facebook mit Tübingens Oberbürgermeister befreundet, der wahrscheinlich Deutschlands bekanntester Kommunalpolitiker ist und eine beachtliche Bilanz vorzuweisen hat.

In den 16 Jahren Amtszeit haben sich die Gewerbesteuereinnahmen der schwäbischen Unistadt verdreifacht, 7000 neue Wohnungen wurden gebaut, wie Kassel soll Tübingen bis 2030 klimaneutral sein. Palmer hat sogar eine Verpackungssteuer eingeführt, um Müll zu reduzieren. Grüner geht es nicht. Doch Linne sagt: „Ich würde ihn nicht wählen.“

Der 50-Jährige habe zwar viel für Tübingen geleistet, aber zu oft habe sie sich über „seine populistischen Äußerungen“ geärgert: „In vielerlei Hinsicht deckt sich seine Meinung nicht mit den Inhalten der Grünen.“ Auch Palmers egozentrische Art missfällt Linne.

So ähnlich geht es auch vielen der 91 000 Tübinger. An diesem Sonntag stellt sich der Amtsinhaber als unabhängiger Kandidat zur Wiederwahl. Der „Sarrazin der Grünen“, wie ihn Kritiker nennen, muss sich gegen Parteifreundin Ulrike Baumgärtner und Sofie Geisel (SPD) behaupten. Beobachter erwarten einen engen Ausgang.

Palmer ist ein Unikat und seine Situation nur schwer mit anderen Politikern zu vergleichen. Trotzdem gibt es Parallelen zu Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD): Beide treten gegen eine Kandidatin ihrer Partei an. Beide müssen ein Parteiausschlussverfahren fürchten (Palmer lässt seine Mitgliedschaft bis 2023 ruhen). Beide sind bekannt für ihre Egotrips und bringen nicht nur ihre Parteien gegen sich auf. Ist Christian Geselle, der am 12. März unter anderem gegen die Sozialdemokratin Isabel Carqueville antritt, also der Boris Palmer von Nordhessen?

Für den Politologen Wolfgang Schroeder überwiegen bei Weitem die Unterschiede. Palmer, der einst als Nachfolger von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann gehandelt wurde, ist für den Kasseler Professor „rhetorisch sehr versiert und ein Meister der Aufmerksamkeitsökonomie. Er geht unerschrocken und flexibel mit den vorhandenen Regeln um.“ Für seine Kommune habe er viel rausgeholt, soweit man das von außen beurteilen könne.

Auch Geselle ist für Schroeder „ein erfolgreicher Manager des Kommunalen“. Im Gegensatz zu Palmer sei er „aber kein Mann der offensiven Aufmerksamkeitspolitik. Er wirkt eher nüchtern und defensiv.“ Zwischenzeitlich saß Palmer gefühlt fast so häufig in TV-Talkshows wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Vor knapp drei Jahren erhielt der Tübinger Verwaltungschef auch bei einer HNA-Veranstaltung im Schlosshotel viel Applaus, als er vor Unternehmern ganz offen erzählte, wie es ist, Shitstorms über sich ergehen zu lassen, die man selbst provoziert hat. Die allermeisten waren beeindruckt. Geselle gab dagegen selbst im Sommer, als Kassel wegen der Antisemitismusvorwürfe gegen die documenta bundesweit in den Schlagzeilen war, nur selten Interviews.

Die Kandidaturen der beiden sind laut Schroeder nicht ungewöhnlich. Im Kommunalen gebe es „schon immer eine stärkere Orientierung der Bürger jenseits des Parteilichen. Vor dem Hintergrund etablierter Parteiskepsis sind die parteiunabhängigen Bürgermeister längst eine der größten Gruppen.“

Beiden Oberbürgermeistern bescheinigt der Wissenschaftler eine positive Bilanz. „Beide haben beste Chancen, das Rennen zu machen“, sagt Schroeder, der im September bei der Kasseler SPD vergeblich versuchte zu schlichten. Manche zählen ihn zum rechten Flügel. Er sagt von sich, er sei ein Linker.

Palmer wiederum überraschte gerade mit der Ankündigung, dass er sich aus der Politik zurückziehe, sollte er im ersten Wahlgang keine Mehrheit erreichen. Als Frühpensionär will er sich nur noch um seine Familie kümmern und Rad fahren. (Matthias Lohr)

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