Versetzter Start in Schultag – Willy-Brandt-Schule geht offensiv vor

Gedränge morgens und mittags: Wie Kasseler Schulen volle Busse und Bahnen verhindern wollen

Schüler am Schulzentrum Brückenhof
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Morgens um acht Uhr am Schulzentrum Brückenhof: Während der Pandemie bekommen überfüllte Trams und Busse ein anderes Gewicht. Von der Haltestelle führt der Schülerstrom zur Willy-Brandt-Schule und zum Lichtenberg-Gymnasium.

Um in den Stoßzeiten etwas gegen übervolle Busse und Bahnen zu tun, werden Schulen in Stadt und Kreis Kassel jetzt aktiv. Laut staatlichem Schulamt haben sie teilweise ihre Anfangszeiten verändert.

Kassel – Sie folgen damit dem Appell der hessischen Landesregierung, die schulische Organisation zugunsten des Infektionsschutzes zu verändern.

Die Willy-Brandt-Schule beginnt den Unterricht beispielsweise zeitversetzt. Da dies aber nicht die erhoffte Entzerrung der Schülermassen bringe, werde ab kommender Woche zusätzlich ein offener Unterrichtsbeginn getestet, sagt Schulleiter Rainer Büchter. Auch die Erpetalschule in Wolfhagen hat diesen bereits eingeführt.

Büchter merkt aber an, dass der veränderte Unterrichtsbeginn nur dann sinnvoll umsetzbar sei, wenn das Vorgehen der Schulen an übergeordneter Stelle koordiniert werde. Dafür befinde sie sich mit den Schulen in der Stadt im Gespräch, teilt Schuldezernentin Ulrike Gote mit. Sollte sich die Änderung der Unterrichtszeiten als Mittel zur Entzerrung bewähren, wolle sie zusammen mit dem Staatlichen Schulamt an einer Koordinierung arbeiten.

Der Landkreis Kassel hält indessen an seinem Plan fest, seinen Schulen den Weg zum Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht zu ebnen (wir berichteten), was für Entzerrung sorgen könnte.

Laut Rainer Büchter, aber auch vonseiten der Schüler, wird zudem die Forderung laut, mehr Busse und Bahnen einzusetzen, um der Masse an Menschen Herr zu werden. Für diesen Zweck hat der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) laut einem Sprecher des Kultusministeriums vor vier Wochen zwei Millionen Euro vom Land bekommen. Ein Viertel davon sei dem NVV zugekommen, der Rest ging an die nordhessischen Landkreise und die Stadt Kassel, so NVV-Sprecherin Sabine Herms. Man habe bereits vor Wochen zusätzliche Busse eingesetzt, teilt Heidi Hamdad (KVG) mit. Über die Verwendung der Landesmittel berate man sich mit dem NVV. Sie appelliert an die Flexibilität der Schüler, „auch wenn das eventuell einmal Umsteigen oder einen längeren Fußweg bedeutet“.

Kreis Kassel und NVV haben nachgebessert

Laut Sprecher Harald Kühlborn werde die Auslastung der Schülerbeförderung im Kreis täglich überprüft. Eine Fahrplanumstellung in Fuldatal, ein größerer Bus in Baunatal und zusätzliche Busfahrten hätten mehrere Kommunen des Landkreises entlasten können, so Sabine Herms (NVV). Anfragen für zusätzliche Fahrten stelle der NVV bei den beauftragten Verkehrsunternehmen, darunter Reisebusunternehmen, die derzeit unter anderem drei Reisebusse einsetzen.

Volle Busse und Bahnen: Das sagen Schüler zur Situation

Morgens am Schulzentrum Brückenhof. Kurz vor Unterrichtsbeginn an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule und der Willy-Brandt-Schule herrscht Hochbetrieb. Autos stauen sich, es riecht nach Abgasen. Kurz nach acht Uhr treffen knapp hintereinander die Linien 3 und 7 beider Richtungen, parallel die Buslinien 59 und 150 ein. Ohne Gerangel, aber dicht gedrängt steigen massenhaft Schüler aus. Abstand einhalten? Schwierig.

Um die 2300 Schüler kommen täglich am Schulzentrum Brückenhof an. „Zwei Drittel unserer Schüler kommen mit Bus und Bahn und fahren davor zum Teil durchs gesamte Stadtgebiet“, sagt Willy-Brandt-Schulleiter Rainer Büchter. Er spricht von einer 60-prozentigen Überlastung des ÖPNV, vor allem morgens und mittags.

Mit dem Aussteigen aus Tram und Bus tritt für die Schüler wieder die Abstandspflicht in Kraft. Die gibt es im ÖPNV nicht – ein Zustand, der laut Büchter unter Schülern für Unverständnis sorgt. „In der Schule dürfen wir nicht mal ins Brot beißen, aber im Bus stehen wir dicht an dicht“, zitiert er. „Bringen Sie das mal einem Schüler bei.“

Jana Körschgen (17) kommt zu Fuß und sagt: „Wenn ich zur falschen Zeit komme, bin ich mittendrin in der Menschenmasse“. Etwas abseits der Willy-Brandt-Schule trifft sie auf Cecile Lunitz und Sarah Heinemann (beide 17), die mit dem ÖPNV anreisen. Wie fühlt sich das momentan an? „Obwohl ich eine der ersten bin, die in die Tram einsteigt, weil ich nahe der Endhaltestelle wohne, ist es schon zu Beginn der Fahrt super voll“, sagt Lunitz, die aus Baunatal kommt. Das berichtet auch Heinemann, die mit der Buslinie 10 aus Harleshausen kommt. „Ich fahre extra früher, um dem Strom zu entkommen. Aber die Busse sind eigentlich immer überfüllt.“ Sie seien in der Zwickmühle, sagen sie.

Wird denn in Bus und Bahn auf Abstand geachtet? Kopfschütteln. „Wie auch“, sagt Lunitz. Sie wünscht sich, dass zusätzliche Bahnen eingesetzt werden.

Einige Meter weiter steht Marvin Lessart (17). Er kommt aus Kaufungen, sonst würde er auch aufs Fahrrad zurückgreifen, erzählt er. „Das Gedränge in der Bahn ist nervig. Abstand einzuhalten ist unmöglich.“ Mitschülerin Carla Zus (18) aus Mattenberg findet den Zustand „einfach nur eklig“.

Was die Schüler berichten, bestätigt Schulleiter Büchter, der auf diese Situation aktiv reagiert hat: Damit nicht zu viele Schüler auf einmal an der Schule ankommen, beginnt der Unterricht von Fachoberschule und Berufsfachschule derzeit im 15-Minuten-Takt.

Das betrifft auch Jonas Haupt (17) und Mira Hommel (16), die mit der Straßenbahn aus Baunatal kommen. „Noch mal eben durchatmen“, sagt Haupt, der die Maske ein paar erlaubte Sekunden unter dem Kinn trägt. „Die 15 Minuten Zeitversetzung bringen nicht viel, es ist immer noch sehr voll in der Bahn.“

Das sieht ihr Schulleiter genauso. „Eine wirkliche Entzerrung gäbe es ab einer Dreiviertelstunde, wenn der Unterricht um 9 Uhr beginnt.“ Eine neue Situation könnte deshalb nun der gleitende Unterrichtsbeginn bringen, der in der ersten Schulform ab kommender Woche getestet wird. Schüler wählen selbst, wann sie kommen, und bearbeiten unter Aufsicht einer Lehrkraft bis zum regulären Unterrichtsstart Lernaufgaben.

Aus Sicht von Schüler Jonas Haupt ist das eine gute Idee. „Wenn die meisten eher später kämen, werde ich dann einfach früher losfahren.“ Büchter sagt: „Wir können nur anfangen, Dinge auszuprobieren und die Rückmeldung von Schülern einholen, um zu sehen, ob es funktioniert.“ (Anna Lischper)

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