Diskussion über Thesen zur Ehe für alle

"Noch Fragen?" Vor Ort bei einer Vorlesung des umstrittenen Professors Kutschera

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Umstrittener Professor: Dr. Ulrich Kutschera während seiner Vorlesung am Donnerstagvormittag.

Kassel. Die Aussagen des Kasseler Biologie-Professors Dr. Ulrich Kutschera über die Ehe für alle haben für Diskussionen gesorgt. Wir haben eine Vorlesung Kutscheras besucht – am Donnerstag an der Uni in Oberzwehren.

Noch 20 Minuten sind es bis zur Vorlesung. Professor Dr. Ulrich Kutschera steht in seinem Büro: Institut für Biologie, Uni Kassel. Die aktuelle HNA liegt auf dem Tisch, sein Bild ist auf dem Titel zu sehen, Schlagzeile: „Strafanzeige gegen Uni-Prof. Kutschera.“ Fast scheint es so, als freue er sich. Anzeigen gegen sich sieht er nicht als Problem, sondern als Ehre. Er sagt das sogar offen.

Kutschera ist im Gespräch. Wieder einmal. Der 62-Jährige weiß das, wenn er jetzt über die anstehende Vorlesung spricht. Es wird um Pflanzenphysiologie gehen, aber eigentlich um mehr: um den Punkt Allgemeines, in dem er alle Fragen zulassen will. Er betont das mehrfach – als warte er förmlich auf die Debatte mit den Studenten. Apropos: „Ich bin extrem studierendenfreundlich – Klammer auf: männlich, Schrägstrich weiblich, Klammer zu.“ Kurz vor Vorlesungsbeginn stehen Studierende – männlich, Schrägstrich weiblich – vor dem Hörsaal. Eine Gruppe unterhält sich über Kutschera und seine Thesen, einer hält sie für Blödsinn, kein Widerspruch.

Die Vorlesung beginnt. Kutschera erscheint jetzt vorn im Hörsaal, hellbraunes Hemd, beige Hose, Strümpfe in Sandalen. Er informiert über den Aufbau der nächsten 90 Minuten und verweist auf den Punkt Allgemeines: „Da bin ich gern bereit, auf alle Fragen Rede und Antwort zu stehen.“ Aber erst: Frontalunterricht über die Bewegung der Pflanzen. Das Ganze ist ein Vortrag mit vielen Fachbegriffen. Kutschera schreibt sie an die Tafel, die Studenten – 80 an der Zahl – schreiben sie in ihre Blöcke; die Mäppchen liegen akkurat auf den Tischen. Als Getuschel einsetzt, sagt Kutschera: „Ich bitte Sie, ruhig zu sein. Wer stört, geht raus. Es gibt intelligente Männer und Frauen, die etwas lernen wollen.“

Das entpuppt sich als typischer Kutschera-Satz. Er versieht seine Aussagen gern mit einem Zusatz. Das sind in der Regel Seitenhiebe auf all jene, die er für Esoteriker und Wünschelrutengänger hält, oder Hinweise auf die eigene Arbeit und die eigenen Lehrbücher. Er sagt: „Das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern das alles basiert auf der aktuell weltweit besten Literatur.“ Mitunter kokettiert er mit seinem zweifelhaften Ruf. Einmal spricht er von sich als Teufel für andere.

Manchmal vermittelt er den Eindruck, als berausche er sich an sich selbst. Als alle Pflanzenfragen geklärt sind, steht der Punkt Allgemeines an. „Noch Fragen?“, fragt Kutschera offensichtlich in Erwartung einer Debatte über die Ehe für alle. Es dauert, bis sich jemand meldet. Endlich. Dann die Frage: „In welchem Raum findet die Klausur statt?“ Das war nicht das, was Kutschera erwartet hat. Also: „Noch Fragen?“. Pause. „Sie können fragen.“ Am liebsten würde er jetzt wohl selbst fragen. Aber die Vorlesung endet ohne Debatte.

Anschließend sagt der Professor, seine Studenten seien exzellent. Er lobt deren Disziplin und setzt sie in Zusammenhang mit seinem „klassischen autoritären Stil“. Er sagt: „Anderswo haben Sie Anarchie.“ Seine gute Laune und Witze in der Vorlesung führt er auf die gute Atmosphäre zurück.

Vor dem Hörsaal sind noch ein paar Studenten. Ein junger Mann nennt Kutscheras Witze sehr unlustig, er empfindet ihn als sehr speziell, aber in der Sache fair. Er sagt: „Kutschera liebt halt die PR.“ Da fällt einem ein Satz aus der Vorlesung ein, den Kutschera benutzte: „Wenn schlimmes Wetter kommt, machen die Mimosen den Schirm zu.“ Kutschera macht es anders: Er steht gern mit offenen Armen im Gewitter, das er selbst erzeugt hat.

Lesen Sie auch unseren Kommentar zu den Äußerungen Kutscheras und eine Gegenrede des Kasseler Erziehungswissenschaftlers Harald Doenst.

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