In anderen Ländern gibt es Führerschein-Checks für Ältere

Autofahren mit Demenz: Wann muss man den Führerschein abgeben?

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Es ist schwierig zu bestimmen, wann alte Menschen nicht mehr ans Steuer sollten: Senior beim Fahrsicherheitstraining.

Kassel. In Kassel fand eine demente Seniorin ihr Auto nicht wieder. Erst eine Suchaktion war erfolgreich. Aber wie lange dürfen Alzheimerpatienten eigentlich Auto fahren? Die Lage ist kompliziert.

Der Vermisste der Woche war in Kassel diesmal kein Mensch, sondern ein Auto. Eine 73-Jährige, die unter beginnender Demenz leidet, konnte sich nicht mehr erinnern, wo sie ihren VW Polo geparkt hatte. Erst nach einer Woche wurde der Wagen gefunden - auf einem Firmenparkplatz in Oberzwehren. Die Geschichte klingt lustig, hat aber einen ernsten Hintergrund. Viele fragen sich: Dürfen Alzheimerpatienten eigentlich Auto fahren? Wir haben uns umgehört.

Dürfen auch Demente Auto fahren?

Grundsätzlich ja. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland keine Führerschein-Überprüfung, mit der ältere Menschen ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen müssen. Zudem gilt hierzulande die Alleinverantwortlichkeit des Fahrers, wie Thorsten Werner, Pressesprecher der Kasseler Polizei, sagt: Vor jeder Fahrt sollte man sich fragen, ob man sich sicher im Straßenverkehr bewegen kann. Wer Alkohol getrunken, andere Drogen oder starke Medikamente zu sich genommen hat, ist nicht mehr fahrtüchtig. "Also nicht jeder, der einen Führerschein hat, darf immer fahren", sagt Werner.

Demenzkranke Menschen können ihre Fähigkeiten jedoch nur schwer einschätzen. Zudem leiden sie oft nur phasenweise unter Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit. Trotzdem kann eine Untersuchung durch einen Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie notwendig werden - etwa wenn altersbedingte Einschränkungen für einen Unfall verantwortlich waren oder wenn Angehörige die Polizei auf eine schwere Demenz hinweisen. "Dann kann die Fahrerlaubnis entzogen werden", sagt Uwe Siewert, Leiter der Führerscheinstelle des Landkreises Kassel. Das geschieht in der Regel in Absprache mit dem behandelnden Arzt.

Wer haftet bei einem Unfall?

Laut Bürgerlichem Gesetzbuch (BGB) kann jemand, der "im Zustand der Bewusstlosigkeit oder in einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit einem anderen Schaden zufügt", dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Um das festzustellen, sind jedoch meist aufwändige Gutachten nötig.

Was kann man als Angehöriger tun?

Angehörige von dementen Senioren stecken oft in der Klemme: Einerseits wissen sie, dass zum Beispiel Alzheimerpatienten ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen können. Andererseits wollen viele Ältere auch dann nicht ihre mobile Freiheit aufgeben, wenn es der gesunde Menschenverstand nahelegt. Manche Kinder verstecken darum etwa den Autoschlüssel der Eltern, damit das Auto in der Garage bleibt. Zudem ist es auch immer eine subjektive Einschätzung, wann jemand fahruntüchtig ist. Demenzfachleute empfehlen darum, ältere Menschen sensibel und frühzeitig auf ein Leben ohne Auto vorzubereiten - auch wenn das in ländlichen Gebieten erhebliche Einschränkungen mit sich bringt.

Wie ist es mit Epilepsie und anderen Krankheiten?

Ähnlich wie bei Demenz. In der Anlage 4a der Fahrerlaubnisverordnung sind eine ganze Reihe Krankheiten aufgeführt, die zu einer Fahruntauglichkeit führen können - von mangelndem Sehvermögen über hochgradige Schwerhörigkeit bis zu akuten Psychosen und Parkinson. Demnach kann einem Epileptiker die Fahrerlaubnis wieder entzogen werden. Nach einem Jahr ohne Anfall darf er dann wieder fahren.

Wie ist die Regelung in anderen Ländern?

Immer wieder wird in Deutschland über einen verpflichtenden Führerschein-Check für ältere Menschen diskutiert, wie er in vielen anderen Ländern gang und gäbe ist. So ist in den Niederlanden ein Gesundheitscheck für Autofahrer ab 70 vorgesehen. Alle fünf Jahre muss er wiederholt werden, bei Schweden und Briten sogar alle drei Jahre. Und in Spanien muss man sich schon ab 45 alle zehn Jahre einem Hör- und Sehtest unterziehen, der ab 70 jedes zweite Jahr wiederholt wird. Dazu wird es hierzulande aber wohl ebensowenig kommen wie zu einem Tempolimit auf den Autobahnen, dem sich Deutschland als nahezu einziges Land weltweit verweigert. "Dazu ist den Deutschen ihr Auto zu heilig", heißt es beim alternativen Verkehrsclub Deutschland (VCD).

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