Trialogtag findet am 9. März trotzdem statt

Imam-Gebet sorgte für Ablehnung: Absage an die Moschee Mattenberg

Kassel. Der Kasseler Trialog soll dem Gedankenaustausch von Juden, Christen und Muslimen dienen. Und eigentlich hätte er dieses Jahr in der Ditib-Moschee Oberzwehren stattfinden sollen. Das wurde nun aber wegen der Predigt des Imams auf dem Königsplatz geändert.

Das Kasseler Format „Trialog der Religionen“ hätte in diesem Jahr eine große Etappe erreichen können: Nachdem der Studientag zum Gedankenaustausch von Juden, Christen und Muslimen vor drei Jahren seinen Auftakt in einer Kirche genommen hatte und ein Jahr später in der Synagoge stattfand, war für dieses Jahr als Ort die Ditib-Moschee in Oberzwehren vorgesehen. Doch  dem Veranstaltungsort wurde jetzt eine Absage erteilt.

Alles war für den 9. März vorbereitet, und die muslimische Gemeinde hatte sich darauf eingestellt, ein guter Gastgeber zu sein. Da durchkreuzte das Bekanntwerden eines Auftritts des Imams der Mattenberger türkisch-islamischen Gemeinde die Pläne. Wie die HNA berichtete, hatte Imam Semih Ögrünc nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer während einer Kundgebung auf dem Königsplatz in einer Predigt in türkischer Sprache davon gesprochen, dass man bereit sei, für das Vaterland, die Türkei, zu Märtyrern zu werden.

Gemeinsam für den Trialog: Mahmut Eryilmaz und Eveline Valtink (vorne von links), Reinhard Brand, Elena Padva und Ute Feußner.

Dieses Vorkommnis sowie jüngst vom türkischen Islamverband Ditib geäußerte antisemitische und antichristliche Äußerungen kritisieren die Veranstalter des Studientags. Sie äußerten deshalb den Wunsch, die Veranstaltung nicht in der Moschee stattfinden zu lassen.

Der Dialogbeauftragte der Moschee, Mahmut Eryilmaz, Mitglied im Vorbereitungsteam des Trialogtags, bedauert dies, äußert aber gleichzeitig Verständnis: „Kritik sollte uns aber nicht vom Trialog abhalten, im Gegenteil.“ „Das Gespräch ist jetzt umso wichtiger“, sagt auch Reinhard Brand, der Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog in der Landeskirche.

Als Ausweichort für den Trialogtag hat das Team das Gemeindehaus Oberzwehren, Berlitstraße 2, gewählt. Es liegt in der Nachbarschaft der Moschee. „Das war meine große Bitte“, so Eryilmaz. Dadurch könne die türkisch-islamische Gemeinde weiterhin ihre Gastgeberrolle einnehmen und müsse sich nicht abgestraft fühlen.

„Kassel nimmt in Sachen Trialog eine Vorreiterrolle ein“, betont Eveline Valtink, die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Das dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Unter den jetzigen verschärften Bedingungen könne sich der Studientag bewähren. „Wir wollen den Trialog mit allen fortführen, die auf dem Boden der Demokratie und der Menschenrechte stehen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. „Es darf nichts unter den Teppich gekehrt werden“, fügt Pfarrerin Uta Feußner vom evangelischen Stadtjugendpfarramt an. Man wolle Solidarität zeigen, „aber auch unsere Grenzen“, so Brand.

Elena Padva vom Sara-Nussbaum-Zentrum sagt: „Wir kritisieren die Vorfälle, aber nicht die Menschen, die sich am Trialog beteiligen.“ Mahmut Eryilmaz: „Wir wollen nicht so tun, als ob nichts vorgefallen wäre.“ Der Imam müsse zusehen, dass er seinen Fehler korrigiert. „Unsere Glaubwürdigkeit darf nicht verloren gehen.“ 

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Erklärung im Wortlaut

Hier der Text der Vorbereitungsgruppe zum 3. Trialog-Studientag

Seit 1952 veranstalten die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit jährlich eine „Woche der Brüderlichkeit.“

In Kassel findet im Rahmen dieser Woche ein Studientag zum Trialog der Religionen Judentum, Christentum und Islam statt. Organisiert wird der Trialog auf jüdischer Seite durch das Sara-Nussbaum-Zentrum, auf christlicher Seite durch das Evangelische Jugendpfarramt und auf muslimischer Seite durch Angehörige der DITIB türkisch-islamischen Gemeinde Kassel-Mattenberg e.V. Der Trialog wird durch zahlreiche weitere Partner unterstützt.

Ziel des Trialogtages ist die Stärkung kultureller Vielfalt in Schule und Jugendarbeit durch den Ausbau stabiler Strukturen und die Intensivierung der Kommunikation untereinander.

Der erste Kasseler Trialog der Religionen fand 2015 in der CROSS, der evangelischen Jugendkulturkirche, am Lutherplatz statt. Der zweite Trialog war zu Gast in der jüdischen Synagoge in der Bremer Straße. Auf Einladung der muslimischen Mitarbeitenden war der 3. Trialog in der DITIB Moschee in Kassel-Mattenberg geplant.

Die jüdischen und christlichen Teilnehmenden des Trialogs kritisieren, dass es bei DITIB wiederholt zu antisemitischen und antichristlichen Äußerungen gekommen ist. Hinzu kommen die in den vergangenen Tagen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gewordenen Ereignisse um den Auftritt des Imams der türkisch-islamischen Gemeinde Mattenberg. Das alles hat dazu geführt, den diesjährigen Trialog nicht – wie vorgesehen – in der Moschee am Mattenberg stattfinden zu lassen.

Die jüdische und christliche Seite verstehen den Verzicht auf die Moschee in Kassel Mattenberg als Veranstaltungsort ausdrücklich nicht als eine Absage an die muslimischen Gesprächspartner im Trialog. Sie begrüßen den Vorschlag der muslimischen Partner, den Trialog statt in der Moschee nun im Kulturhaus Oberzwehren stattfinden zu lassen.

Gerade heute bedarf es des ruhigen und verständigen Umgangs miteinander. Der Trialog der Religion in der christlich-jüdischen „Woche der Brüderlichkeit“ hat sich in Kassel schon zweimal als ein Format bewährt, das in ganz erheblicher Weise zum gegenseitigen Verstehen beiträgt. Wir wollen den Trialog mit allen fortführen, die auf dem Boden der Demokratie und der Menschenrechte stehen.

Elena Padva (Sara-Nussbaum-Zentrum)

Mahut Eryilmaz (DITIB Gemeinde Mattenberg)

Eveline Valtink (Gesellschaft für christlich- jüdische Zusammenarbeit)

Uta Feußner (ev. Stadtjugendpfarramt)

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