Neue Thesen von Professor Kutschera

Umstrittener Kasseler Biologe wettert gegen "Klima-Hysterie"

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Verantwortungsvoll oder „hysterisch“?: Der Kasseler Biologieprofessor kritisiert die bundesweiten Schüler-Demonstrationen für den Klimaschutz. Die Jugendlichen fielen auf Panikmache der "Klima-Lobby" herein. 

Zuletzt provozierte der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mit Thesen zur Homo-Ehe. Nun geißelt er den "ideologischen" Kampf gegen den Klimawandel und vergleicht ihn mit dem Hexenwahn.

Wie an vielen Orten Europas demonstrieren auch in Kassel seit einigen Wochen Schüler für einen besseren Klimaschutz. Dazu meldet sich der Kasseler Biologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera zu Wort. Er hat schon mehrfach mit provokanten Thesen für Schlagzeilen gesorgt. Zuletzt wandte er sich gegen die Homo-Ehe und ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Diesmal wettert der 64-Jährige über die „Klima-Hysterie“.

„Schüler schwänzen den Unterricht und glauben den Klima-Ideologen, die uns einreden wollen, dass wir alle den Hitzetod sterben“, sagt Kutschera, der einen Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie an der Uni Kassel hat und Kuratoriumsmitglied der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung ist. Er hält das Problem der Erderwärmung für lösbar, wenn die Erkenntnisse der Pflanzenphysiologie stärker berücksichtigt würden.

Mit Kutscheras Äußerungen auseinandersetzen wollen sich Kollegen aus der Klimaforschung aber offenbar nicht. Mehrere Anfragen der HNA bei Professoren, Forschungsinstituten und -verbänden, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen, bleiben unbeantwortet oder erhielten eine Absage. Tenor: Im Zusammenhang mit einer Darstellung, die wissenschaftliche Zusammenhänge mit Meinung vermische, wolle man sich nicht äußern. Zugleich kritisierten die Gesprächspartner, dass Kutscheras Thesen überhaupt Raum in der Öffentlichkeit gegeben werden solle.

Zwar seien einzelne Fakten korrekt, schreibt eine angefragte Institution, die Schlussfolgerungen, die Kutschera daraus ziehe, aber „verkürzt und unlauter“. Wer den Ausführungen folge, müsse den Eindruck gewinnen, es sei nach wie vor nicht geklärt, ob der Mensch gemachte Klimawandel existiere und wie man ihm entgegentreten könne – dass aber gleichzeitig mit Kenntnis der Pflanzenphysiologie das Problem sehr einfach lösbar sei. Im Zusammenhang mit einer solchen Position, die dem Sachstand des Weltklimarats und fast aller aktiven Klimaforscher widerspreche, wolle man nicht auftauchen.  

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Gegenüberstellung: Kutscheras Äußerungen und die Klimaforschung 

Wir haben mit Professor Ulrich Kutschera gesprochen und stellen dar, was er zum Klimawandel zu sagen hat. Seine Positionen haben wir mit Hilfe von Informationen des Weltklimarats (IPCC), des Deutschen Klima-Konsortiums und der Initiative klimafakten.de daraufhin überprüft, was der Stand der Klimaforschung dazu sagt.

  • Schon der Begriff „Klimawandel“ ärgert den Biologen. Denn das Klima habe sich seit der Entstehung der Erde immer wieder geändert, bedingt durch eine Vielzahl an Faktoren. Das Klima, das genau genommen nur ein statistischer Wert sei, könne man daher nicht „schützen“ und dessen Wandel nicht „bekämpfen“.

Faktencheck: Es stimmt, dass sich das Klima im Lauf der Erdgeschichte oft gewandelt hat. Allerdings können die derzeitigen Klimaänderungen durch die bekannten natürlichen Mechanismen nicht erklärt werden. Es sind menschliche Einflüsse, die die Erde aufheizen. Auch wenn die sprachlichen Einwände Kutscheras richtig sind, erweckt die Spitzfindigkeit leicht den Eindruck, nicht nur die Begrifflichkeiten seien ungenau, sondern der Klimawandel sei als Tatsache anzuzweifeln.

Prof. Dr. Ulrich Kutschera, Pflanzenphysiologe an der Uni Kassel, mit seinem neuen Buch. Klicken Sie oben rechts auf das Kreuz, um das gesamte Foto zu sehen. 
  • Kutschera erkennt durchaus einen Zusammenhang an zwischen der gemessenen Erderwärmung und dem Anstieg des von Menschen verursachten Kohlendioxids (CO2) in der Atmosphäre. Bei der Debatte werde CO2 allerdings einseitig als „Killergas“ und Schadstoff dargestellt, sagt der Biologe. Dabei sei es vor allem das Grundnahrungsmittel der Pflanzen.

Faktencheck: Es stimmt, dass Kohlendioxid für Pflanzen lebensnotwendig ist. Bei der Debatte um den Klimawandel geht es aber auch nicht darum, CO2 aus der Atmosphäre zu verbannen, sondern das zusätzlich vom Menschen eingebrachte CO2 zu reduzieren.

  • Bei der lichtgetriebenen Photosynthese werde CO2 von den Blättern absorbiert und in komplexen biochemischen Vorgängen in Sauerstoff und Biomasse umgewandelt, legt der Biologieprofessor dar. Pflanzen seien „lebende Sonnenkraftwerke und Treibhausgas-Entsorger“, formuliert er es in seinem kürzlich erschienenen Fachbuch. Darin hat er auch dargestellt, dass das Pflanzenwachstum durch CO2 sogar zunehme. „Die Menschheit düngt über Kohlendioxid-Emissionen die grüne Lebewelt“, sagt er. Die Landpflanzen nähmen so ein Drittel der vom Menschen erzeugten CO2-Emissionen auf. Zugleich würden durch Abholzung mindestens 15 Prozent des menschlichen CO2-Eintrags verursacht.

Faktencheck: Ein vermehrtes Angebot von CO2 regt in der Tat die Photosynthese an, allerdings nicht bei allen Pflanzen gleich stark, das weiß auch Kutschera. Für das Wachstum sind auch Nährstoffe aus dem Boden wichtig, deren Angebot nicht parallel zum CO2 zunimmt. Mit weiter zunehmenden CO2-Werten sind auch vermehrt negative Effekte des Klimawandels auf die Landwirtschaft zu erwarten: Dürre und extreme Temperaturen begrenzen das Pflanzenwachstum.

Faktencheck:  Wiederaufforstung wird auch in der Klimaforschung als wichtige Maßnahme berücksichtigt, um CO2 aus der Atmosphäre zu binden – sie stößt jedoch schnell an ein Platzproblem. Man kann sozusagen gar nicht so viel Wald pflanzen, um den CO2-Anstieg auszugleichen.

  • Dass auch der CO2-Ausstoß reduziert werden muss, stellt Kutschera zwar nicht in Abrede – aber auch nicht in den Vordergrund seiner Ausführungen. Deutschland sei für einen sehr geringen Teil der weltweiten Emissionen verantwortlich und könne daher selbst über ein drastisches Zurückfahren global kaum etwas verändern, wendet der Biologe ein. Er sieht vor allem die USA und China als größte CO2-Verursacher in der Pflicht.

Faktencheck: Es stimmt, dass der Großteil der Emissionen auf China und die USA entfällt. Deutschland und Europa werden den Klimawandel nicht allein bremsen können. Sie können aber auf internationale Abkommen zur CO2-Reduktion hinwirken. Dafür muss man mit gutem Beispiel vorangehen.´

  • Neben der Verringerung des Kohlendioxid-Austoßes und Aufforstung gelte es, der Photosynthese-Forschung mehr Aufmerksamkeit zu widmen, so der Wissenschaftler. Mit der Entwicklung künstlicher Blätter etwa könne man sich den positiven Effekt der Photosynthese zunutze machen. „Das Weltuntergangs-Szenario, das uns vorgegaukelt wird, wäre unter Berücksichtigung der Pflanzenphysiologie lösbar“, ist der Biologe überzeugt. Aus der öffentlichen Debatte werde dieses Thema aber ausgeblendet. Es sei, meint Kutschera, „politisch nicht gewollt“.

Faktencheck: Forschung zu Pflanzenphysiologe und (künstlicher) Photosynthese findet statt. Solche Beiträge genügen allein aber nicht, um die Erderwärmung zu stoppen. Als wichtigste Bedingung, um die globale Erwärmung zu bremsen, nennt der jüngste Bericht des Weltklimarates ganz klar „drastische Emissionsminderungen“.

Ulrich Kutschera: Physiologie der Pflanzen. Sensible Gewächse in Aktion. LIT-Verlag, 712 Seiten, 59,90 Euro.

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Zitate von Prof. Dr. Ulrich Kutschera 

Die katholische Internetplattform „kath.net“ hat ein ausführliches Interview mit Prof. Ulrich Kutschera zum Thema veröffentlicht. Einige Zitate:

  • „Die ,Anti-Klimawandel-Aktion’ der Schüler basiert auf naiven Vorstellungen und dem kritiklosen Nachbeten eingeimpfter Parolen.“

„Wer über den Klimawandel redet, muss solide Grundkenntnisse zur Physiologie und Biochemie der Pflanzen mitbringen, sonst fällt er auf die dumpfen Parolen politisierender ,Klima-Ideologen’ herein.“

  • „Allerdings sei darauf hingewiesen, dass eine Korrelation keine Kausalität beweist. So hat z. B. in Deutschland in den letzten Jahrzehnten die durchschnittliche Lebenserwartung zugenommen, aber gleichzeitig kam es zu einem Anstieg der Auto-Zulassungszahlen. Diese Korrelation (höheres Lebensalter/mehr PKW) beweist aber nicht, dass Auto-Abgase unser Leben verlängern. Es handelt sich vielmehr um eine zufällige Übereinstimmung, ohne Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Es gibt seriöse Fachwissenschaftler, die in analoger Weise aus dem Anstieg des CO2 (sowie der Erdtemperatur) keine ursächliche Verknüpfung ableiten.“
  • „Massen-Hysterien, wie z. B. der mittelalterliche Hexenwahn (oder auch der aktuelle ,Gender-Glaube’ an ein fiktives ,drittes Geschlecht’) haben die Menschheit nicht voran gebracht. Eine Rückkehr zu biologisch-rationalem Sachverstand wäre hier dringend geboten.“

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