Kinder bekommen Süßgkeiten als Belohnung

Nikolaus: Nina (9) aus Kassel zieht mit ihrer Geige von Haus zu Haus

Ständchen statt Gedichte: Die neunjährige Nina Laessing (Mitte) wird beim Glowesabend Geige spielen. Für uns hat sie mit ihrer Mutter Inka und Bruder Lars (13) schon mal geübt.
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Ständchen statt Gedichte: Die neunjährige Nina Laessing (Mitte) wird beim Glowesabend Geige spielen. Für uns hat sie mit ihrer Mutter Inka und Bruder Lars (13) schon mal geübt.

Heute Abend wird Nina Laessing zu einer Minderheit gehören. Wie jedes Jahr an Nikolaus wird die Neunjährige aus Kassel mit Freundinnen von Haus zu Haus ziehen.

An den Haustüren im Quartier wird sie auf der Geige Lieder spielen wie „Lasst uns froh und munter sein“. Ihre Freundinnen singen dazu. Anschließend gibt es Süßigkeiten.

Das ist quasi die De-luxe-Ausgabe des Glowesabends, jenes nordhessischen Brauchs, der am Aussterben ist. Immer weniger Kinder sagen am Nikolausabend Gedichte an Haustüren auf, von musikalischen Darbietungen gar nicht zu reden. In ihrer Klasse, der 4c an der Schenkelsbergschule, führen nur eine Handvoll Mädchen und Jungen die Tradition fort, mit der Generationen in Kassel und Umgebung aufgewachsen sind.

Halloween statt Nikolaus 

Das hat auch Ninas Mutter Inka festgestellt. „Bei uns klingeln vielleicht fünf Kinder. Auf den Süßigkeiten bleibe ich sitzen“, sagt die Pädagogin, die an der Melsunger Fuldatalschule arbeitet. Halloween, der aus Irland stammende und dann aus den USA nach Europa zurückgekehrte Volksbrauch, hat dem Glowesabend den Rang abgelaufen.

Inka Laessing findet das schade: „Süßes oder Saures zu sagen, hat was von Erpressung. Das ist nicht meine Philosophie.“ Trotzdem zieht auch Tochter Nina am Abend des 31. Oktober durch die Straßen. Zugleich ist die fünfköpfige Familie Laessing Opfer von Halloween. Einmal waren sie am Reformationstag nicht daheim. Prompt landete ein Ei an ihrer Hauswand. Ein Halloween-Kind muss sauer gewesen sein, dass es in der Oberzwehrener Straße nichts Süßes gab.

Trommeln auf dem Rummelpott 

Vom Glowesabend hatten Inka und Johannes Laessing noch nichts gehört, als sie vor 15 Jahren nach Nordhessen zogen. Aber sie kannten andere Bräuche, wie die volkstümlichen Rituale heißen, bei denen meist Kinder an fremden Haustüren um Gaben bitten. 

Inka Laessing stammt aus der Nähe von Celle, wo sie als Mädchen zum Martinstag Lieder sang. Gärtner Johannes Laessing hat in seiner Kindheit in Kiel das Rummelpottlaufen gepflegt: Er verkleidete und schminkte sich mit Freunden, haute auf eine Trommel namens Rummelpott, sang Lieder und sagte Reime auf.

An Nikolaus geht das Herz auf

Der nordhessische Glowesabend erinnert das Ehepaar an früher. „Den Leuten geht irgendwie das Herz auf, wenn sie die Haustür aufmachen“, hat Inka Laessing festgestellt. Als sie ihre jüngere Tochter einmal begleitete, bekam sie einen Schnaps eingeschenkt.

Muss man sich nun sorgen, dass der Glowesabend bald vergessen ist? Dass bald niemand mehr Sprüche aufsagen wird wie: „Ich bin die kleine Erika, ich komme aus Amerika. Ich komme aus Bonn und will was honn“? Oder: „Ich bin nen armer Sünder, hon 99 Kinder, und eine böse Frau, die schlägt mich blitzeblau“?

Viele Kasseler denken jetzt schon nicht mehr daran. Das stellt Nina jedes Jahr fest, wenn jemand mal wieder vergessen hat, die Süßigkeiten bereitzustellen. Ein Ständchen kann sie übrigens schon wieder am morgigen Samstag spielen: Dann wird ihre Mutter Inka 46. Und falls jemand an der Haustür klingelt, um zu gratulieren, bekommt er sicherlich auch was Süßes.

Nikolaustag

Der Nikolaustag wird in Gedenken des Bischofs Nikolaus von Myra gefeiert, einer der populärsten katholischen Heiligen, der am 6. Dezember zwischen 345 und 351 verstarb. Viele Legenden ranken sich um ihn. Es wird erzählt, dass Nikolaus ein guter Mensch war. Er war großzügig und kümmerte sich um arme Leute – auch um Kinder. In einigen Ländern ist es Brauch, dem Nikolaus Furcht einflößende Gehilfen zur Seite zu stellen. Während der Nikolaus die Kinder, die das Jahr über brav waren, mit Geschenken belohnt, werden die bösen Kinder erschreckt und zu ihrem Verhalten befragt. Je nach Region sind diese Gehilfen der Krampus oder Knecht Ruprecht.

Service: Süßes in der Innenstadt

Auch in den Geschäften der Innenstadt wird heute der Glowesabend begangen: Von 16 bis 20 Uhr gibt es kleine Geschenke für verkleidete Kinder, die Sprüche aufsagen. Bei der Aktion der City-Kaufleute sind auch Sport-Maskottchen von KSV, MT und Kassel Huskies in der Stadt unterwegs und laden zu Selfies ein.

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Überall beginnen die Vorbereitungen auf Weihnachten. Mit unserer Adventsserie werfen wir einen Blick in die Kasseler Stadtteile und bilden das Leben in der Vorweihnachtszeit dort ab.

Im Düsseldorfer Hof dreht sich zurzeit alles um Weihnachtsgänse.

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