Quartier im Stadtteil Oberzwehren hat sich gewandelt

Nach dem Tod im Hochhaus: Im Kasseler Stadtteil Brückenhof war früher "Bambule"

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Aus der Betonsiedlung ist ein grünes Quartier geworden: Blick auf den Brückenhof von einem Hochhaus in der Nähe des Hallenbads Süd. Das Viertel im Stadtteil Oberzwehren wird nicht umsonst „Kassels Waldstadt“ genannt.

Der Tod eines 48-Jährigen rückt die Brückenhofsiedlung in den Fokus. Das Viertel in Oberzwehren war einst berüchtigt. Heute ist es viel besser als sein Ruf.

Vor 20 Jahren hätte es Helmut Dornemann nicht sonderlich überrascht, wenn in seiner Nachbarschaft jemand getötet worden wäre. „Damals gab es hier regelmäßig Bambule“, sagt der 71-Jährige, der seit mehr als drei Jahrzehnten in der Brückenhofsiedlung lebt. Nun aber ist Dornemann doch geschockt – wie auch die meisten Einwohner des Quartiers im Oberzwehrener Stadtteil.

Zum einen hat er mit seiner Familie einst selbst in dem Hochhaus in der Brückenhofstraße gewohnt, in dem am Wochenende ein Bewohner einen anderen getötet haben soll. „Was wäre, wenn ich nicht geschieden wäre und noch da wohnen würde“, fragt sich Dornemann. Zum anderen ist der Brückenhof von heute nicht mehr der Brückenhof von einst, als es hoch herging. „In den letzten zehn Jahren ist es richtig ruhig geworden“, hat Dornemann festgestellt, der eine Webseite und eine Facebook-Gruppe über das Viertel verantwortet.

Menschen aus mehr als 50 Nationen leben im Brückenhof

Der Wandel kommt nicht von ungefähr. „Es wird unheimlich viel gemacht, um die Leute miteinander ins Gespräch zu bringen“, sagt Oberzwehrens Ortsvorsteherin Barbara Bogdon – Jugend- und Sozialarbeit sowie ein Reparier-Café etwa. Auch bei der Polizei stellt man keine Besonderheiten fest. „Brückenhof und Oberzwehren sind nicht mehr oder weniger auffällig als andere Stadtteile“, sagt Pressesprecher Torsten Werner.

Von den 5650 Einwohnern haben 76 Prozent einen Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen sind Russlanddeutsche, dazu kommen vor allem Afghanen und Eritreer. Insgesamt leben Menschen aus mehr als 50 Nationen hier.

Igon Meth (79) gefällt dieses Multikulti. „Ich komme mit allen gut aus“, sagt der 79-Jährige, der seit mehr als 50 Jahren im Brückenhof lebt. Damals war das neu gebaute Quartier zwischen Alt-Oberzwehren und Nordshausen noch eine Beton-Siedlung, in der seit 1967 günstiger Wohnraum entstand.

Brückenhof taugt als Filmkulisse

Heute wirbt die Wohnungsgesellschaft GWH, die hier fast 1500 Wohnungen vermietet, mit riesigen Plakaten, auf denen der Brückenhof als „Kassels Waldstadt“ angepriesen wird. Eines davon hängt an dem Hochhaus, das in der Nacht zu Samstag zum Tatort wurde und direkt neben der Lichtenbergschule und der Willy-Brandt-Schule steht.

Es gibt so viel Grün im Brückenhof, dass er sogar zur Filmkulisse taugt. Der aus Bad Emstal stammende Regisseur Olaf Saumer drehte 2010 seinen viel beachteten Kinofilm „Suicide Club“ auf einem Hochhaus in der Heinrich-Plett-Straße. Die Tragikomödie handelt von einigen schrägen Typen, die sich umbringen wollen, bis sie merken, dass das Leben viel zu schön ist – auch im Brückenhof.

„Es ist, als ob man im Park wohnen würde“, sagt Helmut Dornemann. Er möchte hier erst wieder weg, wenn er gestorben ist. 

Lesen Sie auch unsere Multimedia-Reportage: Erinnerungen an die Anfänge der Brückenhof-Siedlung

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