Verstoß gegen das Naturschutzgesetz

Vogelhasser oder Schwarzmarkt-Händler am Werk? Falle an A44 in Kassel entdeckt

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Fällt Spaziergängern kaum ins Auge: Rolf Weinrich aber wunderte sich über diese seltsamen grünen Zweige. Vor allem, als er sie berührte, denn sie klebten. Diese Vogelfalle hatt er am Erdwall nahe der A44 entdeckt.

Kassel. In Kassel ist offensichtlich ein Vogelfänger am Werk: Erstmals wurde der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt eine illegale Leimrutenfalle an der A44 gemeldet.

Eine solche Falle hatte ein Spaziergänger am bewachsenen Erdwall an der A 44 gegenüber des Baunsbergs entdeckt. Der Unbekannte hatte einen Strauch mit zusätzlichen Zweigen präpariert, die mit Leim bestrichen waren – für Singvögel eine tückische Falle. Sie bleiben daran kleben, verletzen sich, verenden oder werden leichte Beute für Greifvögel, erläutert Dr. Bertold Langenhorst vom Nabu Hessen. 

Er vermutet einen "Vogelhasser" hinter der Falle, der Verein Komitee gegen den Vogelmord e.V. hingegen Schwarzmarktgeschäfte. „Das Fangen von wild lebenden Vögeln verstößt in jedem Falle gegen das Bundesnaturschutzgesetz, Paragraf 44“, teilt die Untere Naturschutzbehörde mit. Es verbiete sowohl das Nachstellen, Fangen, Töten und Verletzen als auch die Entnahme von Eiern, das Zerstören von Nestern und die erhebliche Störung.

Auch der Verkauf, Kauf, Tausch, Besitz und die Verwendung solcher besonders geschützten Tierarten sei verboten. Wer gegen diese artenschutzrechtlichen Verbote verstößt, der muss mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro rechnen. Die Untere Naturschutzbehörde hat den Fall an das Regierungspräsidium Kassel und an das Polizeipräsidium Nordhessen weitergeleitet.

Die Kriminalpolizei ermittele nun, bestätigt Polizeisprecher Matthias Mänz. Bisher seien in Kassel keine Fälle dieser Art bekannt geworden, so die Untere Naturschutzbehörde. Sie bittet alle Bürger um Meldung, sofern weitere Vogel- oder andere Tierfallen entdeckt werden sollten. Der Fang von Singvögeln mit Leimruten ist eine Jahrhunderte alte Jagdmethode, die seit 1979 europaweit durch die Europäische Vogelschutzrichtlinie streng verboten ist.

Wer hat denn diesen Busch dort eingepflanzt? Rolf Weinrich stutzte, trat näher und traute seinen Augen nicht: Nicht nur der Busch an sich war ein Fremdkörper auf dem Gelände des Erdwalls an der A 44, sondern auch seine Zweige. Sie waren zusätzlich angebracht. Und: „Sie waren mit Leim oder Kleber eingeschmiert“, sagt der 57-Jährige.

Rolf Weinrich ist ein Naturmensch. Aufgewachsen am Mattenberg, ist ihm das Gelände zwischen Oberzwehren und Nordshausen, das Naturschutzgebiet Heisebachtal und seit 2007 auch der dort aufgeschüttete Erdwall an der A 44 bestens vertraut. Der Sozialpädagoge hat ein Auge für Flora und Fauna. Den präparierten Busch, angebracht an einem Vermessungspfosten, hat er sogleich als Vogelfalle identifiziert. Die beklebten Zweige – sie sahen eher aus wie Pflanzenstängel, so Weinrich – habe er kurzerhand eingesammelt. Zuvor aber hatte er Handyaufnahmen von der sogenannten Leimrutenfalle gemacht und die Untere Naturschutzbehörde informiert. Dort stieß der Fund auf Erstaunen. Denn eine solche illegale Leimrutenfalle wurde der Kasseler Behörde zum ersten Mal gemeldet. Sie ist ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz.

Bunter Hingucker: der Distelfink, auch Stieglitz genannt. Fotografiert hat ihn Leser Peter Kerst aus Waldkappel.

Wer steckt hinter der Vogelfalle und vor allem, mit welcher Absicht? Rolf Weinrich berichtet, dass in dem distelreichen Areal viele Distelfinken, auch Stieglitze genannt, zu Hause sind. Vielleicht habe der unbekannte Fallensteller die Vögel mit dem markanten, bunten Gefieder fangen wollen, um sie auf dem Schwarzmarkt anzubieten. „Dann aber hätte man eine Lebendfalle aufstellen müssen“, gibt Nabu-Experte Dr. Bertold Langenhorst zu Bedenken. Denn klebten die Vögel erst einmal an den mit leimbeschmierten Zweigen fest, seien sie kaum unverletzt zu befreien. Langenhorst vermutet, dass die Falle errichtet wurde „mit der Absicht, Vögel zu vernichten“.

Axel Hirschfeld, Sprecher des Vereins Komitee gegen den Vogelmord, stellt hingegen klar: „Leimrutenfallen sind Lebendfallen“. Während auf Zypern mit solchen Fallen Singvögel für den Kochtopf gefangen werden, werden in Frankreich die gefangenen Tiere schnell vorsichtig befreit, gesäubert und als Lockvögel für Artgenossen eingesetzt, berichtet Hirschfeld.

Die jetzt in Kassel entdeckte Vogelfalle sei offensichtlich eine „Leimrutenfalle nordafrikanischer Bauart“. Solche seien zuletzt häufiger in Deutschland aufgetaucht. Wegen seines Gesangs sei der Distelfink nach wie vor ein beliebter Stubenvogel, erläutert Hirschfeld: „Auf dem Schwarzmarkt bringt ein gut singendes Männchen 150 bis 300 Euro ein.“

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