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Straßenbahn in Kassel rollt 900 Meter rückwärts: Mitarbeiter verhindern Schlimmeres

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Von: Kathrin Meyer

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Stark beschädigt: Die beiden Straßenbahnen prallten am Montagmorgen im Bereich Korbacher Straße an der Grenze von Nieder- zu Oberzwehren zusammen. 
Stark beschädigt: Die beiden Straßenbahnen prallten am Montagmorgen im Bereich Korbacher Straße an der Grenze von Nieder- zu Oberzwehren zusammen.  © Andreas Fischer

Nach dem schweren Straßenbahn-Unfall in Kassel ist klar: Hätten die KVG-Mitarbeiter nicht so schnell reagiert, hätte der Zusammenstoß schlimmer ausgehen können.

Kassel – Am Tag nach dem schweren Tramunfall in Oberzwehren lässt sich zumindest eins sagen: Wenn die Mitarbeiter der Leitstelle der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) und der Fahrer der nachfolgenden Tram nicht so schnell reagiert hätten, dann hätte dieser Zusammenstoß möglicherweise noch viel schlimmere Folgen haben können.

Was genau passiert ist, schilderte Oliver Eikenberg, Leiter des Bereichs Verkehr und Betrieb bei der KVG und stellvertretender Betriebsleiter, am Tag danach so: Der Fahrer hatte bei seinem Fahrzeug eine Störung am Federspeicher, dem zentralen Bremssystem einer Tram, gemeldet. Nach Rücksprache mit der Leitstelle ließ er an der nächsten Haltestelle (Heinrich-Schütz-Allee) alle Fahrgäste aus der Straßenbahn aussteigen. Um von dort die Straßenbahn zum Betriebshof Wilhelmshöhe zu fahren, habe der Fahrer manuell den Federspeicher, also den Bremsmechanismus lösen müssen. Sonst wäre die Tram nicht fahrbereit gewesen, so Eikenberg.

Straßenbahn-Unfall in Kassel: Tram rollt plötzlich 900 Meter rückwärts

Die Bahn setzte sich nach vorn in Bewegung und rollte dann aber plötzlich rückwärts. Laut KVG etwa 900 Meter auf der Strecke, die teils leichte, aber auch etwas stärkere Gefällpassagen hat. „Der Fahrer hat dann gemeldet: Ich rolle rückwärts und kann nicht mehr bremsen“, sagt Eikenberg.

Die Zeit bis zum Zusammenstoß mit der anderen Straßenbahn muss in etwa 40 bis 50 Sekunden betragen haben, schätzt Karsten Kamutzki, Fahrzeug-Chef und stellvertretender Betriebsleiter der KVG. Mit dem Fahrer habe man bisher noch nicht sprechen können, er stehe nach dem Geschehen unter Schock.

In diesen wenigen Sekunden alarmiert die Leitstelle alle Fahrer auf der Strecke – darunter auch den Fahrer der nachfolgenden Tram. Er hat seine Straßenbahn sofort zum Stehen gebracht und sich aus der Führerkabine in den Fahrgastraum begeben, so Eikenberg. Um die Fahrgäste aus der Bahn zu evakuieren, sei die Zeit zu kurz gewesen. Der Fahrer erlitt Prellungen und Schnittwunden. Er wurde wie einige Fahrgäste nach dem Unfall im Krankenhaus behandelt, konnte es aber mittlerweile wieder verlassen.

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Tram-Unfall in Kassel: Geschwindigkeit der Straßenbahn unklar

„Glücklicherweise waren nicht mehr beide Straßenbahnen in Fahrt“, erklärt Betriebsleiter Klaus Reintjes. Mit welcher Geschwindigkeit die herabrollende Bahn auf der Strecke unterwegs war, das lässt sich allerdings nicht sagen. Nur, dass sie trotz der dort wieder leicht ansteigenden Strecke nicht ganz langsam gewesen sei. „Im normalen Betriebszustand wird die Geschwindigkeit gemessen, aber es war kein normaler Betriebszustand“, so Eikenberg.

Die Sicherungssysteme an allen Straßenbahnen der KVG seien von mehreren Gutachtern geprüft worden. „Alle funktionieren tadellos und die Kasseler Straßenbahnflotte kann weiter ohne Bedenken fahren“, so Klaus Reintjes. Bis der KVG das komplette Gutachten zu dem Unfall vorliegt, wird es wohl noch mehrere Wochen dauern. Erst dann wird es Klarheit über die Ursache und das gesamte Unfallgeschehen vom Montag geben. (Kathrin Meyer)

Straßenbahnen fahren auf Sicht, Eisenbahnen auf Blockabstand

Im Eisenbahnverkehr darf sich jeweils eine Bahn in einem bestimmten Bereich befinden, sie fahren im Blockabstand. Bei Straßenbahnen schätzt der Fahrer die Abstände zu vorausfahrenden Trams so ein, dass er sein Fahrzeug entsprechend gefahrlos zum Stehen bekommen kann. Er fährt also auf Sicht. So ist auch zu erklären, dass es durch Behinderungen auf der Strecke in Kassel immer mal zu einem „Straßenbahnstau“ kommt. Besonders oft zu sehen im Bereich der Königsstraße, wo besonders viele Linien unterwegs sind.

Eine Straßenbahn ist mit drei Bremssystemen ausgestattet. Vereinfacht erklärt, der Federspeicher, eine hydraulische Park- und Feststellbremse. Durch die hydraulische Wirkung werden die Bremsbacken zusammen gezogen und so das Tempo verlangsamt. Die Schienenbremse, die wie ein Elektromagnet auf die Schienen wirkt und so das Fahrzeug stoppt. Auch der Stromantrieb der Tram wirkt sich nicht nur beschleunigend, sondern, wenn der Fahrmotor von der Fahrleitung getrennt wird, wie ein Generator bremsend aus.

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