Objekt des Monats: Exotische Prägetapeten kleideten viele Herrenzimmer aus

Glanz im Heim des Bürgers: Imitierte Goldledertapeten (hier ein Exemplar von Paul Balin) waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts groß in Mode. Foto: Schoelzchen

Kassel. Die Nachahmung historischer Stile war im Pluralismus des 19. Jahrhunderts Programm. Dies galt nicht nur für die Architektur, sondern auch für die Gestaltung der Innenräume. Die Kopie des authentischen Vorbilds im Wohnbereich wurde als mustergültig empfunden.

Friedrich von Fischbach schreibt 1889 in einem Beitrag zur „Geschichte der Tapetenindustrie“: Der Franzose begnügt sich nicht mit Rokoko und Renaissance, er raucht seine Cigarre und nimmt seinen Café im Orient ein und in Pompeji badet er.

„Der Orient weckte Assoziationen zum Orienttabak. Daher wurden Herren- beziehungsweise Raucherzimmer gern in diesem Stil ausgestattet“, sagt Dr. Astrid Arnold, Leiterin des Kasseler Tapetenmuseums.

Einen Höhepunkt erfuhr die Orientbegeisterung in der Weltausstellung in Wien 1873, die einen Boom in der Ausstattung großbürgerlicher Haushalte mit Orientteppichen und Divanen auslöste.

Auch die Prägetapete mit orientalischem Muster, die eine Goldledertapete imitieren soll, könnte für ein solches Raucherzimmer gedacht worden sein. „Sie wird dem Franzosen Paul Balin zugeschrieben, der im 19. Jahrhundert nicht nur als Meister der Stilkopie, sondern auch als Genie auf dem Gebiet der täuschend echten Materialnachbildungen auf Papier galt“, sagt Arnold.

Brokatsamt

Zahlreiche Patente sind seinem Erfindungsgeist zu verdanken. So auch das einer Stempelpresse, mit deren Hilfe es ihm gelang, Papier scheinbar in Kacheln, Seide, Leder oder Brokatsamt zu verwandeln.

Um einen Effekt von Goldleder zu erzeugen, wurden festes Papier oder Karton grundiert, dann mit Leimfarben bedruckt und Metallglanz aufgetragen. Danach wurden die Stücke geprägt und zum Schluss mit Firnis zum Glänzen gebracht.

Die im 16. und 17. Jahrhundert beliebten Goldledertapeten waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder in Mode und wurden in zeitgenössischen Journalen insbesondere für Herrenzimmer empfohlen. Hierfür verwendete man entweder alte Ledertapeten oder imitierende Kreationen in Leder oder Papier. „Balins exquisite Tapetenkreationen erreichten auf dem Markt astronomische Preise“, sagt Arnold: Zwanzig bis dreißig Mark kostete eine Seide imitierende Tapete. Dagegen kostete eine einfache Tapete 9 Pfennig.

Ein weitverbreitetes Vorlagewerk für Stiltapeten stellte die 1856 in London erschienene Publikation The Grammar of Ornament (Die Grammatik des Ornamentes) dar. Dort finden sich Dekore wieder, die große Ähnlichkeit mit den Mustern des Tapetenfragments aus der Sammlung des Tapetenmuseums besitzen. Die Ornamente sind laut Publikation aus einem Exemplar des Koran kopiert und liefern „einen vollkommenen Begriff der decorativen Kunst der Araber“. (chr) Archivfoto: nh

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