„Viele sind hochmotiviert“

Ohne Eltern in Kassel: Hephata Diakonie betreut 50 jugendliche Flüchtlinge

Neues Leben in Deutschland: Unser Foto zeigt einen jugendlichen Flüchtling aus Eritrea in einem Wohnheim in Bayern. In einer der Kasseler Einrichtungen hatten wir vor einem Jahr eine Jugendliche porträtiert, diesmal baten die Betreuer zum Schutz der Jugendlichen um Zurückhaltung. Foto: dpa

Kassel. Viele von ihnen werden bei Kassel in Zügen entdeckt: Jugendliche aus Syrien, aus Eritrea oder aus Somalia, die sich bis hierher durchgeschlagen haben.

Ganz allein, ohne Begleitung ihrer Eltern oder anderer Angehöriger. Oftmals liegt eine jahrelange Flucht hinter ihnen. 120 alleinreisende minderjährige Flüchtlinge hat die Bundespolizei im Bereich Kassel im vergangenen Jahr aufgegriffen - fast dreimal so viele wie im Vorjahr (45).

Henning Wienefeld

Die Kommune, in deren Bereich die Jugendlichen aufgegriffen werden, ist zuständig für ihre Unterbringung. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) werden in der Jugendhilfe ebenso behandelt wie einheimische Kinder und Jugendliche. Die Kosten für Unterbringung und Betreuung der jugendlichen Flüchtlinge werden vom Land erstattet. 2014 waren das in der Stadt Kassel 2,8 Mio. Euro. Nicht übernommen werden nach Angaben der Stadt Dolmetscher- sowie Krankenkosten und einige Beihilfen in Höhe von über 100.000 Euro. Betreut werden die Jugendlichen in Kassel in zwei Einrichtungen der Hephata Diakonie: an der Gießbergstraße (31 Plätze) und seit knapp einem Jahr auch an der Ahnatalstraße (19 Plätze). Ein Teil der Jugendlichen werde auch bei Verwandten untergebracht, stelle sich im Nachhinein als volljährig heraus oder verschwinde wieder. Allein im vergangenen Jahr seien 35 zunächst aufgenommene Jugendliche wieder abgehauen, sagt Henning Wienefeld, Fachberater für UMF bei der Hephata Diakonie. „Wir können niemanden zwingen hierzubleiben.“

Die Gründe, warum Jugendliche allein aus ihren Heimatländern fliehen, seien ganz unterschiedlich, sagt Wienefeld. „Kein Elternteil schickt sein Kind einfach weg - die Not muss schon sehr groß sein“, betont er. In Eritrea beispielsweise müsse jeder Jugendliche ab 16 Jahren zu einem Zwangsmilitärdienst. Der sei sehr gefährlich, es komme oft zu sexuellen Übergriffen auf junge Frauen. Viele Eltern versuchten, zumindest eins ihrer Kinder davor zu bewahren.

Anfangs eingeschüchtert 

Die meisten Jugendlichen in den Wohngruppen seien bei ihrer Ankunft zwischen 15 und 17 Jahre alt. Anfangs seien sie meist eingeschüchtert und zurückhaltend. „Einige haben anfangs immer noch die gepackte Tasche bereitstehen, weil sie es gewöhnt sind, jederzeit wieder aufbrechen zu müssen“, berichtet Wienefeld.

Nach einigen Monaten lebten sich die meisten aber gut ein. Das erkenne man oft am Zimmer, sagt der Sozialpädagoge: „Wenn Poster aufgehängt und anderweitig dekoriert ist, dann weiß man: Sie sind angekommen.“ Direkt nach ihrer Ankunft beginnt ein Sprachkurs, danach gehen die Jugendlichen ganz normal in die Schule. „Die sind oft hochmotiviert“, sagt Wienefeld. Die meisten schafften den Hauptschulabschluss, einige auch höhere Abschlüsse.

Dass Jugendliche abgeschoben werden, komme seit einigen Jahren nicht mehr vor. Mit Erreichen der Volljährigkeit werde dann je nach Stand des Asylverfahrens neu geschaut. Wer eine Ausbildung mache oder seinen Lebensunterhalt bereits selbstständig verdiene, habe gute Chancen zu bleiben.

Hintergrund: Bei Auszug wird sofort neu belegt

„Hier wird kein Bett kalt“, sagt Henning Wienefeld. Ziehe ein Jugendlicher aus, werde das Zimmer in der Regel noch am selben Tag neu belegt. Dann rückten zum Beispiel aus der Inobhutnahmestelle in Calden, wo eigentlich vor allem einheimische Jugendliche untergebracht werden, die jetzt aber auch für UMF genutzt werde, Flüchtlinge nach. Weil das Bundesfamilienministerium derzeit einen Gesetzesentwurf vorbereiten soll, der eine bundesweite Verteilung von UMF vorsieht, wolle man vor einer Entscheidung keine neuen Kapazitäten in Kassel schaffen, sagt Wienefeld. In Kassel, das auf den Süd-Nord-Routen vieler Flüchtlinge liege, gebe es traditionell viele UMF. Bisher gilt: Jugendliche, die hier aufgegriffen werden, werden auch hier untergebracht. Der Bundesfachverband UMF, dem Wienefeld angehört, sieht die geplante Umverteilung kritisch. Oft kämen Jugendliche auch gezielt an Orte, wo sie Verwandte hätten, trauten sich dies aber anfangs nicht zu sagen. Eine unverzügliche Umverteilung erhöhe zudem das Risiko, das Jugendliche abtauchten.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.