Forscher tüfteln an Technik für Rollstuhlfahrer, die ihre Arme nicht bewegen können

Mit den Ohren steuern

Prof. David Liebetanz

Göttingen. Von Natur aus mit den Ohren wackeln – das können nur wenige Menschen. Fast jeder Mensch kann allerdings mit gezieltem Training seine Ohrmuskeln aktivieren. Das haben Neurologen der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) herausgefunden und hoffen mit einer neuen Technik, zum Beispiel Querschnittsgelähmten zu mehr Mobilität verhelfen zu können.

Die Idee: Die Ohrmuskeln könnten die nötige Energie liefern, um technische Hilfsmittel wie Rollstühle oder Prothesen zu steuern. Denn bei jeder Muselaktivierung entstehen auf natürliche Weise elektrische Signale. Die Wissenschaftler planen nun den Bau eines Apparates, der diese elektrischen Signale ableiten und weiterverarbeiten kann. Ein kleiner Chip hinter dem Ohr soll die Muskelsignale aufzeichnen und per Funk an einen Empfänger übertragen, der dann Geräte wie einen Rollstuhl steuert.

„Wir wollen in den nächsten drei Jahren ein neues System entwickeln, mit dem Patienten mit einer hohen Querschnittslähmung, die weder Arme noch Beine bewegen können, erstmalig ihre technischen Rehabilitationsmittel mit Hilfe der Ohrmuskeln selbst steuern können“, sagt Prof. David Liebetanz, Neurophysiologe an der UMG, der das Verbundprojekt mit Wissenschaftlern aus Heidelberg und Karlsruhe leitet. Liebetanz: „Jeder auch noch so kleine Zugewinn an Autonomie ist für diese Patienten, die bisher bei jeglicher Tätigkeit die Hilfe von anderen benötigen, von großer Bedeutung.“ In einem ersten Schritt wollen die Forscher einen Labor-Prototyp zur Ableitung der Ohrmuskelaktivität herstellen. Aufgabe der Heidelberger Wissenschaftler ist es, dazu die Elektronik in Form eines Ohrclips zu entwickeln.

Langer Weg

Danach gilt es, herauszufinden, ob die Steuerung mit den Ohrmuskeln erlernbar ist. Neurophysiologen wollen untersuchen, wie die Verschaltung zwischen dem Großhirn und der Ohrmuskulatur abläuft. Eine Erprobung mit Testpersonen werde dann zeigen, ob der entwickelte Labortyp für den Einsatz geeignet sei, sagt Prof. Liebetanz. Zusätzlich wollen die Wissenschaftler wissen, ob die antrainierte Steuerung eines Rollstuhls oder einer Prothese mit den Ohrmuskeln langfristig zur Routine wird und intuitiv abläuft. Dies sei nicht abwegig, weil das Hirnareal zur Aktivierung der Hand in unmittelbarer Nähe zu dem Gebiet zur Ansteuerung der Ohrmuskeln liegt, heißt es.

„Unser Wunsch wäre es, dass das Rollstuhlfahren über die Ohrmuskeln keine volle Aufmerksamkeit und höchste Konzentration mehr erfordert“, sagt Prof. Liebetanz. „Dann wäre unser System voll alltagstauglich.“ (shx)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.