Amtsgericht: Mühsamer Versuch, eine Kneipenschlägerei aufzuklären

Kassel. „Den kennt jeder in der Siedlung“, sagte eine Zeugin, zeigte auf den 26-jährigen Angeklagten und fügte hinzu: Der Beschuldigte sei in ihrem Stadtteil als rechtsradikaler Schläger verschrien. Weil er einen 45-Jährigen bis zur Bewusstlosigkeit zusammengetreten haben soll, muss sich der Mann vor dem Kasseler Amtsgericht verantworten.

Und das zusammen mit einem drei Jahre jüngeren Kumpel.

Der Gewaltexzess, der sich in den frühen Morgenstunden des 15. August 2010 vor einer Kneipe in Bettenhausen abgespielt haben soll, ließ sich indes beim Prozessauftakt kaum rekonstruieren. Die beiden Angeklagten schwiegen, Zeugen konnten oder wollten sich an nichts erinnern. Und der Hauptgeschädigte weiß infolge der schweren Verletzungen nichts mehr von der Nacht: „Mir fehlt die ganze Woche – ausgelöscht“, sagte der 45-Jährige.

Laut Anklage soll er von dem 26-jährigen Hauptangeklagten derart zugerichtet worden sein, dass er schwer verletzt auf dem Asphalt liegen blieb – mit Schädelbruch und mehreren Prellungen. Und das nur, weil er eingegriffen habe, als sein gleichaltriger Freund kurz zuvor von beiden Angeklagten gemeinsam geschlagen und getreten worden sein soll. Vorwurf der Staatsanwaltschaft: gefährliche Körperverletzung. Dagegen treten die drei anderen Straftaten, wegen derer der 26-Jährige außerdem noch auf der Anklagebank sitzt, in den Hintergrund: Fahren ohne Fahrerlaubnis, eine rassistische Beleidigung und eine weitere Schlägerei.

Lückenhaft schilderte das erste Opfer die Auseinandersetzung vor der Bierkneipe: Sein Freund und er hätten sich dort mit zwei Frauen unterhalten, als es plötzlich Ärger gegeben habe: „Zunächst mit einem ganz anderen Typen.“ Draußen habe der 26-jährige Angeklagte, den er vor Gericht an dessen auffälliger Unterarm-Tätowierung identifizierte, dann auf ihn eingeschlagen. Und dann auf seinen Freund. „Der rührte sich nicht mehr“, sagte der Mann.

Den jüngeren der beiden mutmaßlichen Schläger belastete der Zeuge hingegen nicht – obwohl dieser wohl allein wegen seiner Statur einen bleibenden Eindruck hätte hinterlassen müssen. Die Vernehmung weiterer Kneipengäste brachte kaum etwas Erhellendes: Auf zu viel Alkohol oder zu viel verstrichene Zeit zwischen Tat und Prozess beriefen sich die Zeugen.

Zweifelhafter Ruf

Dabei wurde eine Frau sogar in Abwesenheit des vermeintlichen Haupttäters vernommen, weil Staatsanwaltschaft und Gericht befürchteten, sie könne vom Angeklagten im Vorfeld der Verhandlung unter Druck gesetzt worden sein. Trotzdem behauptete auch sie, nichts gesehen zu haben – sie kenne nur den zweifelhaften Ruf des 26-Jährigen. Die Verhandlung wird am 20. Februar fortgesetzt. (pas)

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