Machthaber Ben Ali

Kasseler Forscher unterstützen Aufarbeitung der tunesischen Diktatur

Projektleiter: Dr. Sarhan Dhouib. Foto: Schaffner

Kassel. Mit der „Jasminrevolution“ in Tunesien hat in der arabischen Welt eine neue Zeitrechnung begonnen. Nachdem landesweite Massenunruhen im Jahr 2011 zum Sturz des langjährigen Diktators Ben Ali geführt hatten, wurden auch in anderen nordafrikanischen Ländern autoritäre Staatsoberhäupter entmachtet.

Ein Projektteam der Uni Kassel unterstützt die wissenschaftliche und kritische Aufarbeitung der Vergangenheit vor allem in Tunesien. Denn die gibt es dort bislang noch gar nicht.

„Die Frage, wie man mit Vergangenheit umgeht, darf in Tunesien erst seit 2011 öffentlich gestellt werden“, sagt Projektleiter Dr. Sarhan Dhouib. Zum Projektteam des 40-jährigen Forschers vom Institut für Philosophie zählen insgesamt 30 Wissenschaftler aus Kassel und anderen deutschen Universitäten, Tunesien, Marokko und Ägypten.

„Unser Ziel ist es, in Tunesien erstmals einen akademischen Diskurs über Menschenrechtsverletzungen und andere Unrechtserfahrungen zu etablieren“, sagt Dhouib.

So organisieren die Wissenschaftler öffentliche Vorträge in Kassel und Tunesien, unternehmen Stadtrundfahrten mit ehemaligen politischen Gefangenen in Tunis, der tunesischen Hauptstadt, und haben bereits erstmals auch Frauen interviewt, die unter Ben Ali gefoltert wurden. „Dass Opfer zu Wort kommen, vor allem Frauen, war bis vor Kurzem völlig undenkbar“, betont Dhouib, der selbst aus Tunesien stammt und die Diktatur erst als Student, dann als Gymnasiallehrer miterlebt hat.

Forschung über drei Jahre

Dhouib und seine Forscherkollegen interessieren sich aber auch für die Rolle der Medien, für Gefangenenbriefe, in Haft geschriebene Romane, Zeugnisse und Memoiren. „Möglicherweise können wir Parallelen zu Unrechtserfahrungen in der DDR oder zur Nazi-Zeit ziehen“, sagt er. Die kritische Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit sei schließlich weit vorangeschritten und vergleichsweise gut erforscht.

Tunesiens Diktatur-Vergangenheit sei hierzulande allerdings ebenso ein unbeschriebenes Blatt wie vor Ort. „Wir möchten einen fruchtbaren wissenschaftlichen Austausch zwischen Tunesien und Deutschland, schauen aber auch auf Ägypten und Marokko.“

Auslandsdienst unterstützt

Denn als Folge der „Jasminrevolution“ wurden auch dort Regierungen umgebildet. Deshalb sei es von Vorteil, dass auch Forscherkollegen aus diesen Ländern dem Projektteam angehören. Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt wird bis 2015 jährlich mit 70 000 Euro vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst gefördert. Die Ergebnisse sollen in einem Buch veröffentlicht werden.

Von Sebastian Schaffner

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