Revisionsverfahren

Opfer über Messerstecher: „Er ist unberechenbar“

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Die Nebenklägerin: Melanie Benesch wurde durch die Messerstiche des Angeklagten lebensgefährlich verletzt.

Kassel. Weil er zwei Frauen angegriffen und eine lebensgefährlich verletzt hatte, muss sich ein Mann erneut vor dem Landgericht verantworten. Ein erstes Urteil, in dem er wegen versuchten Mordes verurteilt worden war, hatte der BGH zum Teil aufgehoben.

Mit einer Provokation des Angeklagten begann am Mittwochmorgen vor der ersten Strafkammer des Landgerichts das Revisionsverfahren gegen einen 52-jährigen Mann aus Kassel. Auf die Frage von Richter Jürgen Dreyer, wie denn sein Vorname laute, sagte der unscheinbar wirkende Mann auf der Anklagebank, dass der Richter sich doch einen Namen ausdenken solle.

„Was soll das?“ fragte Dreyer. „Ich heiße Nikolaus“, antwortete der Mann. Diesen falschen Vornamen wiederholte er mehrfach, bevor er nach einer Unterbrechung der Sitzung seinen wahren Vornamen Claus-Dieter nannte.

Die 36-jährige Nebenklägerin Melanie Benesch bezeichnete diesen Auftritt des Angeklagten als unverschämt. „Das zeigt sein Wesen. Das zeigt, wie er ist: Unberechenbar“, sagte die Frau, die im Oktober 2015 an den lebensgefährlichen Verletzungen, die ihr Claus-Dieter O. mit mehreren Messerstichen zugeführt hatte, fast gestorben wäre. Nur eine Not-Operation konnte die Frau damals retten. Eine andere Frau wurde bei dem Angriff an der Frankfurter Straße in Niederzwehren verletzt.

Wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie wegen gefährlicher Körperverletzung war der Angeklagte deshalb im Juni 2016 bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Zudem ordnete die sechste Strafkammer das Kasseler Landgerichts Sicherungsverwahrung an.

Gegen das Urteil hatte Claus-Dieter O. Revision eingelegt. Daraufhin hob der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil in Teilen auf, etwa was die Verurteilung wegen versuchten Mordes betrifft. Hintergrund der Entscheidung war, dass das angefochtene Urteil von den Voraussetzungen des Mordmerkmals der Heimtücke ausging. Heimtücke setze aber die Arglosigkeit des Opfers voraus. Das bedeutet in diesem Fall, dass die Messerattacke Melanie Benesch völlig überraschend hätte treffen müssen, so der BGH. Da aber erst die andere Frau von Claus-Dieter O. an dem besagten Oktoberabend angegangen worden war und Melanie Benesch eigentlich schon weglaufen wollte, um Hilfe zu holen, sei sie nicht arglos gewesen.

Ihr sei es egal, ob der Angeklagte nun wegen versuchten Mordes oder Totschlags verurteilt werde. Hauptsache sei, so Melanie Benesch, er bekomme Sicherungsverwahrung und bleibe inhaftiert.

Die heute 36-Jährige schilderte, dass sie nach einem Elternabend mit einer anderen Mutter auf dem Bürgersteig der Frankfurter Straße stand, als der fremde Mann bei ihnen vorbeikam und plötzlich die andere Mutter angriff. Die beiden Frauen dachten zunächst, der Mann habe die heute 51-jährige Frau nur in den Bauch geboxt. Später stellte sich heraus, dass er mit einem Küchenmesser (Klinge 20 Zentimeter) durch die Umhängetasche der Frau auf sie einstach. Nur das Portemonnaie verhinderte, dass die 51-Jährige nicht am Oberkörper verletzt wurde.

Melanie Benesch hatte weniger Glück: Sie wurde mit mehreren Stichen in Beine und Oberkörper lebensgefährlich verletzt.

Melanie Benesch schilderte vor Gericht, wie sich ihr Leben nach dem Messerangriff geändert hat

Nach der Messerattacke am Abend des 7. Oktober 2015 wurde Melanie Benesch mit lebensgefährlichen Verletzungen in das Elisabeth-Krankenhaus eingeliefert. Dort retteten ihr die Ärzte in einer dreieinhalbstündigen Not-Operation das Leben. Anschließend blieb sie zwei Wochen im Krankenhaus und war zunächst fünf Monate lang arbeitsunfähig. „Danach konnte ich zum Glück wieder arbeiten, um Struktur in mein Leben zu bringen“, schilderte die 36-jährige Nebenklägerin vor Gericht. Allerdings habe sie aufgrund der Tat auch heute noch körperliche und psychische Beeinträchtigungen. Sie könne ihr Bein nicht mehr richtig bewegen, könne nicht mehr in die Hocke gehen und nicht mehr rennen. Dieser Umstand sei für die besonders schlimm, sagte die Frau. Wenn sie noch einmal in eine gefährliche Situation – wie an diesem Abend kommen sollte – könne sie nicht mehr schnell weglaufen. 

„Zudem bin ich viel unsicherer geworden“, sagt Melanie Benesch. Sie habe Berührungsängste mit Fremden, was ihr manchmal beim Einkaufen Probleme bereite. „Ich gucke mir die Menschen heute genauer an.“ Wenn sie abends überhaupt noch irgendwohin gehe, müsse sie jemand zum Auto bringen und dort auch wieder abholen. „Man muss sich mehr um mich kümmern, alle nehmen auf mich Rücksicht“, sagt die Frau, die einen 15-jährigen Sohn und einen Lebensgefährten hat. 

Nach wie vor sei sie zudem in psychologischer Behandlung. Seit vier Wochen, seitdem sie von dem neuen Gerichtstermin erfahren habe, gehe es ihr wieder schlechter, sagte die Frau. Zum Tatzeitpunkt lebte der Angeklagte in Nachbarschaft von Melanie Benesch. Sie habe den Mann aber nicht gekannt und wusste auch nichts von seinen Vorstrafen, sagte die Frau. Damit widersprach sie den Schilderungen des Angeklagten, der behauptete, die Frau habe sich abfällig über ihn geäußert und gesagt, er sei ein Vergewaltiger.

Claus-Dieter O. kam durch Entscheidung des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte frei

dass der Angeklagte Claus-Dieter O. im Oktober 2015 überhaupt auf freiem Fuß war, hat er vermutlich einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) aus dem Jahr 2010 zu verdanken. Damals hieß es, dass eine nachträgliche Sicherungsverwahrung nicht mit den Menschenrechten zu vereinbaren sei. 

Daraufhin wurden zahlreiche Sexualstraftäter, bei denen nachträglich Sicherungsverwahrung angeordnet worden war, auf freien Fuß gesetzt. In Kassel waren es allein fünf Männer, darunter auch Claus-Dieter O., der zu mehr als 20 Jahren Haft wegen Sexual- und Gewaltstraftaten verurteilt worden war. Die Strafen verbüßte er bis 2000, anschließend griff wegen der Gefährlichkeit des Mannes die Sicherungsverwahrung. Bis er dann 2010 entlassen werden musste. 

Claus-Dieter O. behauptete am Mittwoch vor Gericht, er habe die Frauen nur angegriffen, weil er zuvor gehört habe, dass Melanie Benesch über seine Sexualstraftaten hergezogen habe. Er habe ihr mit den Messerstichen „nur Angst machen, sie aber nicht umbringen wollen“.

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