Er muss jede Nacht an die Dialyse

Nierenkranker Mann aus Kassel hofft auf den Bundestag

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Ist für die Widerspruchslösung: Hans Jürgen Germerodt.

Wenn sich der Deutsche Bundestag heute mit dem Thema Organspende befasst, entscheidet er auch über die Zukunft von Hans Jürgen Germerodt. 

Seit 24 Jahren ist die Niere des Kasselers geschädigt, seit sieben Jahren schließt sich der 67-Jährige Nacht für Nacht an ein Gerät an, das neben seinem Bett steht und der Bauchfelldialyse dient – und somit der Entgiftung des Körpers. Über Jahre hat er auf eine Spenderniere gewartet, aber es gab keine.

So ist der Tag heute ein Tag der Hoffnung für Hans Jürgen Germerodt – für ihn, aber auch für all die 10.000 Menschen in Deutschland, die auf die Transplantation einer fremden Niere, einer fremden Leber oder eines fremden Herzens setzen. Sollte sich im Bundestag eine Mehrheit für die Widerspruchslösung aussprechen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es bald mehr Spenderorgane gibt. Schließlich sieht die Widerspruchslösung gerade vor, dass jeder automatisch Spender ist, sofern er nicht Widerspruch eingelegt hat.

„Für uns Patienten ist das die beste Lösung, weil die Leute bequem geworden sind“, sagt Germerodt. „Für die meisten ist es eine Hürde, aktiv den Schritt zu gehen und sich einen Organspendeausweis zu holen.“ Germerodt verweist in dem Zusammenhang auf andere Länder, in denen das Prinzip der Widerspruchslösung längst angewandt wird. 

Mehr Organspenden in Spanien als in Deutschland

Vorreiter ist Spanien, wo 2018 im Schnitt auf eine Million Einwohner 46,9 Organspender kamen; in Deutschland waren es im selben Jahr nur 9,7. „In Spanien hätte ich schon längst eine neue Niere“, sagt Germerodt.

Die Hoffnung auf eine Gesetzesänderung gibt Germerodt neue Kraft im Kampf gegen die geschädigte Niere. Zuletzt war sein gesundheitlicher Zustand auch wegen einer Hüftoperation so schlecht, dass eine Transplantation für ihn nicht infrage gekommen wäre. 

Jetzt arbeitet er daran, dass sich die körperlichen Voraussetzungen bessern. Er nutzt das Standfahrrad, geht spazieren, auch wenn das manchmal schwerfällt. „Gestern bin ich ein paar hundert Meter bis zur Wilhelmshöher Allee gelaufen, das war schon eine Weltreise für mich.“ Aber, und das ist das Erfreuliche für ihn: „Ich fange wieder an, zuzunehmen.“

Die trüben Zeiten hat Germerodt überwunden – auch dank der Unterstützung durch seine Familie. Er blickt nach vorn, ein neues Medikament schlägt gut an, er ist wieder aktiver – auch in seiner Heimat, dem Werra-Meißner-Kreis. Dort leitete er früher die 80 Mitarbeiter starke Wanfrieder Firma Werkmeister, die Produkte für den Sanitätsfachhandel herstellt, er engagierte sich bei der Industrie- und Handelskammer und in Vereinen. 

Noch immer ist er Vorsitzender des Heimatvereins im Wanfrieder Ortseil Aue. Kürzlich hat er nach längerer Zeit mal wieder an einer Sitzung teilgenommen. Das hat ihm gutgetan. „Man muss etwas machen“, sagt er.

Das Gespräch ist eigentlich beendet. Da kommt die Rede bei der Verabschiedung auf Germerodts großes Hobby – den Tennissport, den er früher gern und häufig ausgeübt hat. „Mein Traum ist es, noch einmal auf dem Platz zu stehen und einen Schläger in der Hand zu halten. Im Moment ist daran nicht zu denken“, sagt er. Der Tag heute könnte das ändern. Germerodt wird vor dem Fernseher sitzen und die Debatte verfolgen. Ob die Widerspruchslösung kommt? „Es wird knapp.“ 

So viele Nieren wurden 2019 gespendet

Die Zahl der Menschen, die nach ihrem Tod Organe gespendet haben, lag nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation 2019 bei 932. Dabei wurden 1524 Nieren gespendet. Derzeit warten aber rund 7000 Menschen auf eine Spenderniere. Die Widerspruchslösung soll auch die Zahl der Spendernieren erhöhen. 

Es ist aber nicht klar, ob sie bei der Abstimmung ohne Fraktionszwang heute die Mehrheit bekommt. Sie steht in Konkurrenz zur Entscheidungslösung, die vorsieht, die Bürger alle zehn Jahre direkt anzusprechen. Zudem gibt es einen AfD-Antrag, in dessen Zentrum ein unabhängiges Institut steht, auf das die Aufsicht über die Vermittlung von Organen übertragen werden soll.

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