Tag der Organspende: Warten auf die neue Niere

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Viel Zeit zum Lesen: Martina Roschlau hängt dreimal in der Woche jeweils mehr als vier Stunden am Dialysegerät.

Der Tag der Organspende findet in jedem Jahr am 1. Samstag im Juni statt. Wir stellen stellvertretend für viele andere Martina Roschlau vor, die auf eine Spenderniere wartet.

Kassel. Warten kann zur Qual werden. Jedenfalls dann, wenn man wie Martina Roschlau dringend ein Ersatzorgan braucht, das die Arbeit der schwer geschädigten eigenen Nieren übernimmt. Roschlau wartet seit vier Jahren auf den erlösenden Anruf ihres Arztes. Auf die Nachricht, dass ein geeignetes Spenderorgan gefunden wurde.

„Am Anfang bin ich in Panik geraten, wenn ich einmal in die Stadt gefahren bin und das Handy vergessen habe“, berichtet die heute 58-jährige Kasselerin, während sie im KFH-Dialysezentrum mit anderen Leidensgenossinnen beobachtet, wie die Blutpumpe ihr Blut durch einen Schlauch in den Filter, den sogenannten Dialysator presst, der nach und nach die Schadstoffe herauswäscht, die ihre Nieren nicht mehr verarbeiten können. Viereinhalb Stunden dauert der Prozess, und das dreimal die Woche. Roschlau hat in den vier Jahren des Wartens Geduld gelernt. Sie weiß, dass es in Deutschland viel zu wenige Organspender gibt, zu wenige Menschen, die bereit sind, einen Organspendeausweis auszufüllen. Es sei „wie ein Lottogewinn“, wenn man als Dialysepatient endlich ein Ersatzorgan bekomme. Ihr Mann komme als Spender wegen einer Gewebeunverträglichkeit leider nicht in Betracht.

Tag der Organspende heute, Samstag, ab 10 Uhr, Informationsstand der Interessengemeinschaft Organspende in der oberen Etage der Königs-Galerie.

Es sei Zeit, dass der Staat endlich neue Regeln für die Organspende einführe, meint die Rentnerin. Die Spanier seien viel besser dran, weil dort schon Organe entnommen würden, wenn der Spender zu Lebzeiten der Entnahme nicht ausdrücklich widersprochen habe. Roschlau ist sichtlich empört, wie negativ sich der Organspendeskandal vor zwei Jahren um einen Göttinger Arzt auf die Spendenbereitschaft ausgewirkt hat. Der eigentliche Skandal sei dabei, dass die Betroffenen nun darunter leiden müssen. „Da können Leute, die sehr krank sind, doch nichts dafür“, sagt sie.

Die frühere Blumenhändlerin, deren Nieren durch zu häufigen Gebrauch von Schmerzmitteln geschädigt wurden, hat sich mit den Einschränkungen arrangiert, die die Dialyse mit sich bringt. Sie könne nicht mehr spontan ihren Sohn in München besuchen und auch nicht kurzentschlossen in einen Urlaub fahren, weil sie immer erst im Vorfeld mit der Krankenkasse passende Dialysestationen abstimmen müsse. Sie muss eine phosphat- und kaliumarme Diät halten. Die Arbeit hat sie wegen der Dialyse-Belastung aufgeben müssen. Dennoch sei sie noch relativ gut dran, sagt die sportliche Frau, die viel paddelt, schwimmt und Rad fährt. Anderen Dialysepatienten gehe es viel schlechter.

Hintergrund: 726 Hessen warten auf Spenderorgan

Nach einer von der Techniker Krankenkasse (TK) in Auftrag gegebenen repräsentativen Befragung ist das Thema Organspende in weiten Teilen der Bevölkerung noch nicht angekommen. Man hoffe, dass noch mehr Menschen darüber nachdenken, ob sie Organspender sein möchten und ihre Entscheidung auf dem Spenderausweis dokumentieren, heißt es bei der TK. Ansonsten würden die Angehörigen mit dieser schweren Entscheidung belastet. Seit 2012 sind die Kassen gesetzlich verpflichtet, ihren Mitgliedern Organspenderausweise zuzusenden.

Laut TK warten derzeit in Hessen 726 Patienten auf ein Spenderorgan. Die Zahl der Transplantationen sei gegenüber dem Vorjahr um rund 25 Prozent gestiegen. Dieses Niveau sei aber nicht ausreichend.

Das von einem bundesweit tätigen gemeinnützigen Verein getragene KFH-Dialysezentrum in Kassel am Mittelring versorgt jährlich 150 Dialysepatienten. Neben der Dialyse im Zentrum wird auch eine Blutwäsche zu Hause angeboten. Etwa zehn seiner Patienten erhielten pro Jahr ein Spenderorgan, schätzt Dr. Hans-Jürgen Talartschik, ärztlicher Leiter des Zentrums. (pdi)

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