Göttinger Skandal: Auswirkungen spürbar

Organspenden gehen auch in Kassel zurück

Christian Roth

Kassel. Die Auswirkungen des Göttinger Organspendeskandals sind deutschlandweit und auch am Klinikum Kassel deutlich zu spüren, sagt Dr. Christian Roth, Transplantationsbeauftragter des Klinikums.

Früher seien es jährlich 13 bis 14 Organspender gewesen, also rund 40 Prozent mehr als heute. Im vergangenen Jahr waren es in Kassel acht Organspender, 2013 zählte man neun.

Auch bundesweit stabilisierte sich die Zahl der Organspender, die nach Bekanntwerden des Skandals drastisch eingebrochen war, auf einem niedrigen Niveau, wie die Deutsche Stiftung für Organtransplantation DSO mitteilt. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr 864 Organspender, in Hessen 53 (2013: 68).

Zum Rückgang der Organspenderzahlen in Kassel sagte Roth, das liege zum einen daran, dass bei weniger Patienten ein Hirntod festgestellt wurde – nur in diesen Fällen sind nach umfangreichen vorgeschriebenen Untersuchungen Organspenden überhaupt möglich. Zum anderen lehnten mehr Angehörige als früher die Organentnahme bei einem klinisch toten Patienten ab. Früher habe die Ablehnungsrate bei 20 Prozent gelegen, heute entschieden sich 50 Prozent der Angehörigen gegen eine Organentnahme.

Patientenwille zählt

Christian Roth

Durch Transparenz und Aufklärung versuche man, den Angehörigen bei dieser schwierigen Entscheidung in einer solch dramatischen Situation zu helfen, sagt Roth. Der erklärte Wille des Patienten stehe dabei über allem. „Dabei ist es umso einfacher, wenn der Patient einen Organspendeausweis hat“, betont er. Doch nur rund 25 Prozent der Patienten verfügten über einen solchen Ausweis, in dem man sich übrigens auch gegen eine Organspende oder die Entnahme bestimmter Organe aussprechen kann.

Gebe es keinen Ausweis oder keine mündliche Verfügung, gelte es, den mutmaßlichen Willen des Patienten herauszufinden, erläutert Roth. Wenn der Hirntod festgestellt ist, wird die Therapie beendet, unabhängig davon, ob einer Organspende zugestimmt wird oder nicht, erläutert der Leitende Oberarzt der neurologischen Abteilung. Die Angst, dass einem Lebenden Organe entnommen werden könnten, sei vollkommen unberechtigt, denn die Hirntod-Diagnostik sei absolut sicher. Letztlich gehe es bei der Entscheidung für oder gegen eine Organspende vor allem auch darum, ob man in dieser traurigen und ausweglosen Situation noch etwas Gutes für schwer kranke Menschen tun will.

Patienten verzweifelt

Viele Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, sind angesichts der relativ geringen Spenderzahlen mutlos und verzweifelt, weiß die Vorsitzende der Gemeinnützigen Interessengemeinschaft Organspende Gios in Hofgeismar, Gisela Schäfer. Sie fürchtet, dass die Chancen, eine lebensrettende Niere, ein Herz oder eine Leber zu bekommen, nun noch weiter sinken könnten. Der Freispruch des verantwortlichen Arztes im Göttinger Organspendeskandal sei für sie ein „Schlag ins Gesicht“. Rund 11 000 schwer kranke Patienten warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, jeden Tag sterben drei von ihnen.

Informationen zu diesem Thema gibt es im Internet unter:

www.dso.de

gios-organspende.de

www.bmg.bund.de

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