Reportage aus dem Auto

Orkan macht Pendeln zur Odyssee: Fünf Stunden von Göttingen nach Kassel

Kassel. Normalerweise fahre ich eine Dreiviertelstunde von Göttingen zur Arbeit nach Kassel. An diesem Freitag war alles anders.

Ich hätte es wissen müssen, denn das Verkehrschaos kam nicht ohne Ankündigung. Nach dem Sturmtief ging schon am Vorabend nichts mehr auf der Autobahn in Richtung Norden. Über Schleichwege wird es schon gehen, denke ich.

7.45 Uhr: Es geht los. Zunächst auf der Bundesstraße in Richtung Hann. Münden. Es schneit. Kurz vor Dransfeld bildet sich eine Schneedecke – mit Winterreifen kein Problem. Ein Polizeiwagen überholt. Ich befürchte Schlimmes. Hinter einer Kurve im Wald ist Schluss. Lastwagen rutschen auf der eisglatten Fahrbahn hin und her. Es geht weder vor noch zurück.

Hinter mir steigt eine Frau aus. Sie geht ein Stück, blickt auf die Autoschlange. Wir unterhalten uns. Sandra Bode kommt aus Einbeck und möchte zur Arbeit nach Dransfeld. Ich erfahre, dass ihr Mann nicht gefahren ist. Er arbeitet, wie ich, in Kassel. Wir beschließen, dass es nicht weitergeht. „Ich bin früher losgefahren, habe aber nicht damit gerechnet, dass es so schlimm wird“, sagt sie noch.

Ich drehe um. An gefühlt endlosen Kolonnen vorbei geht es zurück nach Göttingen. Vor mir fährt der Schneepflug. Das Streusalz spritzt an mein Auto. In Göttingen entscheide ich mich für die Tour über die Dörfer. Über Rosdorf und Friedland geht es in Richtung Hedemünden. Links neben mir liegt die Autobahn. Bis zum Parkplatz Göttingen steht der Verkehr – Stoßstange an Stoßstange. Die Nebenstraßen werden schlechter, die Räder drehen durch. Ein Bus muss warten: Der Gegenverkehr nutzt die andere Fahrbahn, weil ein Lastwagen quer steht.

Ich erreiche Hedemünden und glaube das Schlimmste hinter mir. Dem ist nicht so. Wegen der gesperrten Autobahn wurde der Verkehr über die B 80 in Richtung Hann. Münden umgeleitet. Alles steht. Vor mir stoppt ein Auto mit Hamburger Kennzeichen. Ein Mann steigt aus, klopft an meine Scheibe. „Wie komme ich nach Kassel? Mein Navi will, dass ich umdrehe“, sagt er. Ich antworte, er solle nicht auf das Gerät hören.

Thomas Ehrenreich heißt der Mann, er möchte Bekannte in Kassel besuchen. Von nun an sind wir Staupartner. Wie so etwas doch zusammen schweißen kann.

Hinter Hann. Münden läuft der Verkehr endlich wieder normal. So erreiche ich gegen 13 Uhr endlich Kassel, nach fünf Stunden Fahrt.

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