Er war im ersten Flugzeug

Sie erlebten den Albtraum von Kabul: Ortskräfte aus Afghanistan sind in Kassel untergebracht

Abdul Ghafoor Rafiey, Ortskraft aus Afghanistan, floh aus dem Land. Er steht im Märchenviertel in Kassel-Niederzwehren.
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Abdul Ghafoor Rafiey, Ortskraft aus Afghanistan, floh aus dem Land. Er steht im Märchenviertel in Kassel-Niederzwehren.

Mit dem Abzug internationaler Militäreinheiten aus Afghanistan und der Machtübernahme der Taliban begannen Evakuierungen von Deutschen und Ortskräften. Einige sind jetzt als Geflüchtete in Kassel.

Kassel – Abdul Ghafoor Rafiey ist Zeitzeuge. Er war mittendrin in einem Ereignis, das die Menschen auf der ganzen Welt erschüttert und in Atem gehalten hat. Der 34-jährige Afghane war an Bord des ersten Transportflugzeugs der Bundeswehr, das Menschen aus dem von den Taliban eroberten Kabul ins sichere Ausland bringen sollte. Es handelte sich um den spektakulären Flug einer Bundeswehrmaschine in der Nacht zum 17. August, in der sieben Menschen an Bord waren: sechs Deutsche und ein Afghane, Abdul Ghafoor Rafiey.

Mit nichts als den Kleidern auf seinem Körper hatte sich Rafiey aus Kabul retten können. Heute sitzt der Direktor einer NGO, der nichtstaatlichen Organisation „Afghanistan migrants advice and support organisation“, die sich in Afghanistan um Rückkehrer und abgeschobene Geflüchtete kümmert, selber in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel und erzählt vom Albtraum, der hinter ihm liegt. Die verstörenden Bilder von verzweifelten Menschenmassen, die nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban zum Flughafen von Kabul geströmt waren, um sich zu retten, gingen um die Welt.

Nach der Landung in Taschkent, Usbekistan: In einem solchen Airbus A400M der Bundeswehr ist Abdul Ghafoor Rafiey aus Kabul gerettet worden.

„Mit dieser Situation hatte niemand gerechnet“, sagt Rafiey. Weder mit der schnellen Dominanz der Taliban („Nach unseren Informationen aus US-Quellen sollte Kabul davon nicht betroffen sein“), noch von der dramatischen Dynamik der Fluchtbewegung. „I had really no idea“, sagt Rafiey auf Englisch: „Ich habe wirklich nicht damit gerechnet“.

Die Tage vor der Flucht seien für ihn und seine vier Mitarbeiter „ganz normale Arbeitstage“ gewesen. Afghanistan zu verlassen, sei für den alleinstehenden Mann, dessen Familie zum großen Teil im Ausland lebt, zu keiner Zeit Thema gewesen. „Ich habe die Notwendigkeit nicht gesehen.“ Dass man in Deutschland seit Monaten darüber diskutiert hatte, Ortskräfte und andere gefährdete Personen zu evakuieren, habe er nicht verfolgt.

Jetzt geschah es – für einige – überstürzt. Mitten in der Nacht habe ihn eine E-Mail von Freunden erreicht, die ihm rieten: Wenn du dein Leben retten willst, pack deinen Koffer und beweg dich zum Flughafen.

Doch das gestaltete sich als Riesenproblem. Zwölf Stunden habe er benötigt, um zu Fuß, vorbei an Posten von Taliban-Milizen, überhaupt in die Nähe des von US-Soldaten bewachten Flughafens zu gelangen. Seines Rollkoffers hatte er sich längst entledigt, um besser voranzukommen. Er kämpfte sich mit seinen Papieren am Körper durch die Menschen. Mit dem Handy hielt er Kontakt zu anderen in seiner Situation. Man gab sich Tipps, über welchen Eingang man am besten zum deutschen Militärflugzeug gelange.

Das hatte wegen der vielen Menschen auf dem Rollfeld zunächst Schwierigkeiten, überhaupt in Kabul zu landen. Ein schrecklicher Tumult führte schließlich dazu, dass sich Rafiey ins Flugzeug retten konnte: In seiner Nähe hatten Taliban Schüsse abgefeuert, erzählt er. US-Soldaten reagierten ebenfalls mit Schüssen und töteten zwei Menschen. Panik entstand, die Menschen stoben in alle Richtungen auseinander.

Aus Kabul nach Kassel: Abdul Ghafoor Rafiey.

Am Flugzeug angekommen, wurden seine Dokumente gecheckt. Rafiey war sicher. Sein Name stand auf der Evakuierungsliste des Auswärtigen Amts. Völlig überhastet – es gab nur ein Zeitfenster von 30 Minuten – startete dann das A 400M-Transportflugzeug wieder in Richtung Usbekistan. Mit nur sieben Passagieren an Bord statt der möglichen 114.

Nach der Landung in Deutschland wurde Rafiey nach Kassel gelenkt. Die Verteilung der geretteten Ortskräfte liegt in der Verantwortung der Bundesländer. Die Kommunen hatten zuvor über ihre Aufnahmekapazitäten informiert.

„Humanitäre Hilfe auf allen Ebenen für Geflüchtete aus Afghanistan ist das Gebot der Stunde“, sagt dazu Bürgermeisterin Ilona Friedrich. Bisher seien der Stadt Kassel sechs Afghanen aus dem Personenkreis der Ortskräfte zugewiesen worden. „Nach wie vor sind wir bereit und in der Lage, weitere Geflüchtete aufzunehmen.“ Die generelle Bereitschaft habe sie im Herbst 2020 in einem Brief an das Land Hessen formuliert. Dies sei durch eine Resolution der Stadtverordnetenversammlung bekräftigt worden.

Bei den jetzt aus Kabul Geretteten in Kassel handelt es sich neben Rafiey um zwei Frauen und drei Kinder. Eine der Frauen hatte zwölf Jahre lang in der deutschen Botschaft in Kabul als Küchenhilfe und Reinigungskraft gearbeitet.

„Niemand von uns war mental auf die Flucht vorbereitet“, übersetzt Rafiey die Botschaftsangestellte, die weder Englisch noch Deutsch spricht. „Wir mussten uns innerhalb kürzester Zeit entscheiden, unser Leben zu retten.“ Wie es weitergeht? Kopfschütteln. Nur ein einziges Mal schwindet die Anspannung auf dem Gesicht der 48-Jährigen: als sie von ihren beiden Töchtern erzählt. Die, so sagt die Frau und lächelt zum ersten Mal, seien überglücklich, hier zu sein. Sie lernten eifrig Deutsch.

„Ich fühle mich sicher und bin für die Hilfe, die ich hier bekomme, dankbar“, sagt Abdul Ghafoor Rafiey. Aber er sei in größter Sorge um die Menschen in Afghanistan. Vor allem um zwei seiner Mitarbeiter, die es nicht geschafft haben, rauszukommen aus dem Land, wo jetzt das Gesetz der Scharia gilt. Sie lebten versteckt in großer Angst. Weil in Kabul die Konten der NGO gesperrt seien, könne er keine Löhne auszahlen, sagt Rafiey. Alle Projekte seien gestoppt. Vor seiner Flucht war es ihm noch gelungen, in den Büroräumen sensible Daten vor dem Zugriff der Taliban zu sichern. Der Gedanke an seine Arbeit beschäftigt ihn sehr.

Wie es weitergehen soll? Auch Rafiey weiß es nicht. Jeder der Geretteten sei jetzt auf sich allein gestellt. In der Kasseler Flüchtlingsunterkunft helfen ihnen die Sozialarbeiter der Caritas bei der Bewältigung der Bürokratie und beim Übersetzen.

Zurzeit nimmt der Fluchtexperte, der über ein internationales Netzwerk verfügt und auf Einladung der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ auch schon in Deutschland Vorträge gehalten hat, Kontakte zu seinen Bekannten hier auf.

Wie alle Ortskräfte in Deutschland bezieht Rafiey, anders als andere Geflüchtete, Leistungen über das SGbII, also über das kommunale Jobcenter, und nicht über das Sozialamt. Ein Privileg ist sein Visum, das es ihm erlaubt, sich frei zu bewegen. Die Flüchtlingsunterkunft in Kassel wird für Rafiey nur eine Zwischenstation sein.

„Die Entwicklung der aktuellen Lage wird selbstverständlich beobachtet und das Verwaltungshandeln entsprechend ausgerichtet“, sagt Bürgermeisterin Ilona Friedrich. Die Verteilung der Geflüchteten und der afghanischen Ortskräfte erfolge entsprechend der geltenden Rechtslage über den Bund nach dem sogenannten Königssteiner Schlüssel an die Bundesländer. Aktuell stünden der Stadt Kassel ausreichend freie Unterbringungskapazitäten für eine kurzfristige Unterbringung Geflüchteter zur Verfügung. „Uns als Stadt Kassel werden in der Folge Geflüchtete vom Land Hessen zugewiesen.“

Wie viele Ortskräfte von Deutschland sich noch in Afghanistan befinden ist unklar. Bekannt ist nach Informationen der Süddeutschen Zeitung nur, dass sich bei Evakuierungsflügen, als diese noch möglich waren, unter den knapp 5000 geretteten Menschen 138 Ortskräfte befanden. (Christina Hein)

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