Gesundheitliche Zustände katastrophal

Osteuropäerinnen dominieren Rotlichtmilieu in Kassel

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Nach Einschätzung der Polizei ein großes Problem der Prostitution in Kassel: der illegale Straßenstrich. Oft mit Drogenabhängigkeit verbunden, bieten sich etwa 20 bis 30 Frauen um die Hauptpost herum (Jäger- und Gießbergstraße) für wenig Geld und ohne jeden Schutz an. Unser Symbolfoto zeigt eine Prostituierte auf dem Straßenstrich einer anderen Stadt.

Kassel. Ein düsteres Bild der Situation der 400 Prostituierten, die in Kassel arbeiten, haben Experten der Beratungsstelle „Sichtbar“ und des Polizeipräsidiums im Sozialausschuss vermittelt.

Nach ihren Angaben dominieren Migrantinnen (über 90 Prozent) das Rotlichtmilieu. Zwei Drittel der Prostituierten stammen aus Bulgarien und Rumänien. Ohne Krankenversicherung arbeiten sie für wenig Geld und ohne Kondome und haben so Frauen aller anderen Nationalitäten verdrängt, erläuterten die Experten im jüngsten Sozialausschuss.

Die Zahl der Prostituierten hat sich nicht verändert. Das Risiko wird für alle Beteiligten aber immer größer, berichtete Gabi Kubik von „Sichtbar“, der Kasseler Beratungs- und Informationsstelle für in der Prostitution tätige Frauen (Hintergrund). „Die Gefahr von Geschlechtskrankheiten steigt“, sagte die Sozialpädagogin, die als Streetworkerin 300 Prostituierte an 25 „Arbeitsadressen“ (Straßenstrich, Appartements und Klubs) aufsucht. 97 Prozent seien Migrantinnen.

Die jungen Frauen sprechen kein Deutsch, sind völlig isoliert und nicht in der Lage, sich im deutschen Hilfesystem zu orientieren. Kubik: „Die gesundheitlichen Zustände sind katastrophal.“ „Wir sind das einzige Bindeglied zwischen Milieu und Gesundheitsamt“, sagte Kubik. Sie verteile Broschüren in 15 Sprachen und versuche, die Frauen über Infektionsschutzgesetz und Gesundheitsangebote zu informieren. Vertrauen lasse sich durch Muttersprachlerinnen („Türöffner“) gewinnen. Die Erfahrung zeige, dass Prostituierte erst zum Arzt gehen, wenn sie sich krank fühlen. „Wenn wir sie nicht zum Gesundheitsamt oder zum Arzt begleiten, dann kommen sie auch nicht an.“ Weiteres Problem ist die Fluktuation: Die Frauen wechseln von einer Stadt in die nächste, tauchen teils später in Kassel wieder auf. Jeder dritte Kontakt ist ein Erstkontakt, mehr als 1200 Frauen laufen durch die Statistik.

Nach Angaben von Jörg Kruse, Leiter des Sittendezernats im Polizeipräsidium, bieten bis zu 400 Frauen täglich in Kassel ihre Dienste an – etwa in den 20 Bordellen, 80 Appartements, bei Escort-Services und auf dem Straßenstrich. Besonders schlimm sei die Situation auf dem illegalen Straßenstrich an der Hauptpost (Jäger- und Gießbergstraße). Der Straßenstrich in Kassel ziehe Männer aus dem Umkreis von 100 Kilometern an, In diesem Jahr gab es bislang sieben Verfahren wegen Menschenhandels. 2014 waren es zehn, 2013 14 und 2012 19 Verfahren. Kruse: „Die Situation hat sich aber nicht verbessert.“ Je mehr kontrolliert werde, desto mehr Fälle seien es.

300 bis 400 Betten von Prostituierten, die immer unterschiedlich besetzt sind: Das funktioniere nur, weil es in Kassel „Horden von Freiern gibt“, meinte Gesundheitsdezernentin Anne Janz (Grüne). Mit der Prostitution werde mehr verdient als mit dem Drogenhandel. Das Dilemma der Stadt sei, dass es zu wenige Einflussmöglichkeiten gebe.

HINTERGRUND:

„Sicht-Bar“ ist die Kasseler Beratungs- und Informationsstelle für Frauen, die in der Prostitution tätig sind oder waren. Träger ist der Verein „Frauen informieren Frauen (FiF)“. Die Mitarbeiterinnen suchen die Prostituierten auf, verteilen Broschüren zur gesundheitlichen Aufklärung/Prävention in mittlerweile 15 Sprachen und beraten unter anderem auf dem Straßenstrich, in Apartmenthäusern, Clubs und Bordellen sowie am Telefon. Das Angebot ist anonym und kostenlos. Zurzeit begleiten eine bulgarische und eine rumänische Muttersprachlerin die Streetworkerin Gabi Kubik und eine Praktikantin.

Verein Frauen informieren Frauen (FiF), Westring 67, Telefon: 0561/8900601, www.fif-kassel.de

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