Geschenk von Fliegerfreunden

Otto Henkel war 75 Jahre Pilot - Zum 90. darf er im Fieseler Storch fliegen

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Wie neu: Der Förderverein Fieseler Storch hat den legendären Flieger restauriert. Das Foto entstand auf dem Flughafen Kassel-Calden.

Kassel. Er hat bei Fieseler gelernt, noch an dem legendären Storch geschraubt und 1938 seinen ersten Flug auf dem Dörnberg gemacht. Heute feiert Otto Henkel seinen 90. Geburtstag und freut sich über ein ganz besonderes Geschenk. „Ich bin noch nie im Fieseler Storch geflogen, das wird jetzt nachgeholt“, sagt er.

Dafür steigt der 90-Jährige zusammen mit dem Piloten Herbert Lindenborn auf dem Flughafen Kassel-Calden in den Zweisitzer. Wann der Flug stattfinden wird, hängt vom Wetter ab. „Eigentlich wollten wir das am 1. Mai machen, aber wir warten lieber noch ein paar Tage auf Sonnenschein“, sagt Otto Henkel.

Mit der Lehre als Metall-Flugzeugbauer begann er auch die Segelflug-Ausbildung auf dem Dörnberg. „Ich wollte immer fliegen, das war mein Traum“, sagt er. Mit dem Fahrrad fuhr der damals 14-Jährige jeden Morgen von der elterlichen Wohnung an der Holländischen Straße zum Fieseler-Werk am Flugplatz in Waldau. Der Tag begann regelmäßig mit einem Appell. Der Haarschnitt wurde kontrolliert, saubere Kleidung war ebenso Pflicht wie kurz geschnittene Fingernägel. Im Kontrast zur militärischen Strenge standen die bunten Blumenkästen auf allen Fensterbänken. „Ich erinnere mich, dass alles immer picobello sauber sein musste“, sagt Otto Henkel. Alle Fotos aus dieser Zeit sind im Krieg verloren gegangen.

Feiert heute seinen 90. Geburtstag: Otto Henkel.

Kurze Zeit nach dem Abschluss seiner Lehre hat er noch bei Fieseler gearbeitet. Bis 1943 wurde der Storch in Kassel produziert, danach in Frankreich und Tschechien. Die Fliegerei hat Otto Henkel wahrscheinlich das Leben gerettet. Er wurde zwar eingezogen, kam aber nicht mehr an die Front. Seine Ausbildung bei der Luftwaffe zum Flugbeobachter war bei Kriegsende noch nicht abgeschlossen. Aus der Fliegerschule ging es direkt in die russische Kriegsgefangenschaft.

Über die fünf Jahre im Ural will er bis heute nicht groß reden. Viele Mitgefangene hätten diese harte Zeit nicht überlebt.

Zurück in Kassel fand er Arbeit bei der KVG, war zunächst Busfahrer und später als Verkehrsmeister für die Beseitigung von Betriebsstörungen verantwortlich. Seit 1951 ist er mit seiner Frau Margot verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkelkinder.

Fluglizenz zurückgegeben

Der Fliegerei ist Otto Henkel bis heute treu geblieben. Nach 75 Jahren hat er zwar seine Fluglizenz abgegeben, auf dem Gelände der Flugsport-Vereinigung Kassel / Zierenberg auf dem Dörnberg verbringt er aber immer noch viel Zeit.

Einige brenzlige Situationen hat er bei seinen über tausend Flügen erlebt, aber abgestürzt ist er nie. Dieses Gefühl der Freiheit über den Wolken könne man kaum beschreiben, sagt er. Im Fieseler Storch will er es noch einmal erleben.

Hintergrund: Verein hat den Storch aus dem Jahr 1943 restauriert

Sechs Jahre hat der Verein Fieseler Storch dafür gebraucht, das zuletzt im Kulturbahnhof ausgestellte Flugzeug gleichen Namens zu restaurieren. Durch Spenden wurde dafür eine sechsstellige Summe aufgebracht. Die Fieseler Fi 156 (Baujahr 1943) wird von einem Propeller angetrieben. Erstmals flog ein Storch 1936. Der Firmenchef und Kunstflugweltmeister Gerhard Fieseler war maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Die wichtigste Eigenschaft: Der Storch konnte auf extrem kurzen Pisten starten und landen. Er wurde als Kurier- und Verbindungsflugzeug der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Der Kasseler Storch soll eine Ausstellungshalle auf dem Flughafen Calden bekommen.

Der Fieseler Storch im Regiowiki

Zwei spektakuläre Aktionen trugen zum legendären Ruf des Fieseler Storch bei:

Am 12. September 1943 befreite ein deutsches Kommandounternehmen den gestürzten italienischen Diktator Mussolini aus einem Berghotel, in dem er gefangen gehalten wurde. Vom Bergrücken des Gran Sasso d’Italia floh Mussolini an Bord eines Fieseler Storch.

Auf dem Gauligletscher in der Schweiz legte im November 1946 eine Dakota der US-Armee eine Bruchlandung hin. Trotz mehrerer Anläufe konnten die Amerikaner die Verunglückten nicht retten. Das gelang erst der Schweizer Luftwaffe mit dem Fieseler Storch.

Von Thomas Siemon

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