Rosemarie Knierim verhalf mit einem Foto vor 50 Jahren der Pappe aus Kassel zum Durchbruch

Kassel: Sie gab der Parkscheibe ein Gesicht

50 Jahre später: Rosemarie Knierim präsentiert die Scheibe so wie damals. Die ist heute aus Plastik und auch als Eiskratzer zu nutzen. Fotos:  Fischer

Kassel. Als sie den Artikel in der HNA über die Geburtsstunde der Parkscheibe vor 50 Jahren in Kassel las, kam die Erinnerung zurück. Das Foto von Rosemarie Knierim war Anfang der 60er-Jahre in ganz Deutschland zu sehen. Die damals 25-Jährige war das Gesicht zu der von vielen als Sensation empfundenen Neuerung.

„Das Wunder aus Kassel“, titelte damals zum Beispiel die Bild-Zeitung. Vom Ruhrgebiet über Hamburg bis nach Bayern machte die 1961 in Kassel eingeführte Pappscheibe Schlagzeilen. Rosemarie Knierim (75) hat alle Ausschnitte gesammelt, die sie bekommen konnte. Die Zeitungen griffen damals auf ein Foto von Werner Lengemann, der für die Hessische Allgemeine arbeitete, zurück. „Mein Mann und ich waren mit den Lengemanns befreundet, ich war öfter mal Modell für Zeitungsbilder“, sagt Rosemarie Knierim.

Ging 1961 durch die Medien: Rosemarie Knierim mit der Parkscheibe.

Sie arbeitete damals als Direktionssekretärin bei Massey Ferguson. Der Hersteller von landwirtschaftlichen Maschinen hatte eine Zweigstelle am Ständeplatz.

Der damalige Polizeipräsident und spätere Bürgermeister Heinz Hille hatte damals die Idee mit der Parkscheibe. Sie sollte in Kurzparkzonen anstelle von kostenpflichtigen Parkuhren zum Einsatz kommen. „Damals durfte man sogar noch auf dem Königsplatz parken. Aber nur, wenn kein Markt war“, entsinnt sich Rosemarie Knierim. Ihr Mann Wolfgang (79) erinnert sich noch an die Touren im ersten VW-Käfer. In dem lag natürlich immer eine Parkscheibe griffbereit. Die beiden haben eine erwachsene Tochter, Sohn Markus betreibt das Theaterstübchen.

Prozess riskiert

„Was der Heinz Hille damals gemacht hat, war ziemlich mutig“, sagt Rosemarie Knierim. Das fand vor 50 Jahren auch die Bild-Zeitung. „Das hat es vor einem bundesdeutschen Gericht noch nicht gegeben. Ein Polizeichef riskiert einen Prozess, um den Kraftfahrern zu helfen“, schrieb das Blatt.

In der Tat musste erst einmal juristisch geklärt werden, ob die Parkscheibe genutzt werden durfte. Und natürlich, ob Knöllchen für zu langes Parken durch Recht und Gesetz gedeckt waren. Was damals kaum jemand wusste: Heinz Hille hatte einen befreundeten Makler gebeten, Klage einzureichen. Er wollte die juristische Klärung so schnell wie möglich.

Die Gerichte gaben grünes Licht, und so verbreitete sich die Parkscheibe von Kassel aus in ganz Deutschland. In der Kasseler Innenstadt kann man sie heute getrost vergessen. Dort werden überall Parkgebühren fällig. In den Stadtteilen kommt sie aber immer noch zum Einsatz. Überall dort, wo Geschäfte sind, vor denen keine Dauerparker stehen sollen.

Von Thomas Siemon

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