Ehemaliger Kasseler Polizeipräsident Heinz Hille (88) gilt als Erfinder

Die Parkscheibe wird 50

Gilt als Erfinder der Parkscheibe: Der ehemalige Polizeipräsident und Kasseler Bürgermeister Heinz Hille (88). Archivfoto: Siemon

Kassel. Im Frühjahr 1961 machte Kassel bundesweit Furore. Eine bahnbrechende Neuerung startete hier ihren Siegeszug durch deutsche Innenstädte. Vor 50 Jahren klemmten die ersten Autofahrer eine Parkscheibe hinter die Windschutzscheibe. Die Idee hatte der spätere Kasseler Bürgermeister Heinz Hille.

Der Jurist war damals 38 Jahre alt und hatte gerade seinen Dienst als jüngster Polizeipräsident der Republik angetreten.

Ebenso wie in anderen Großstädten nahm der Autoverkehr Anfang der 1960er-Jahre in Kassel sprunghaft zu. Das Angebot an Parkplätzen konnte da nicht mithalten. Zumindest dann nicht, wenn sie von Dauerparkern den ganzen Tag blockiert wurden. Das war damals noch möglich, denn Parkuhren waren längst nicht flächendeckend eingeführt.

Heinz Hille wusste aus erster Hand, wie sehr die Geschäftsleute in der Innenstadt auf gute Erreichbarkeit angewiesen waren. Seine Eltern hatten ein Süßwarengeschäft. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an Schokoladen-Hille am Martinsplatz.

Hille grübelte lange, wie man das Problem lösen könnte. Umsonst parken, aber nicht zu lange, so lautete die Aufgabe.

„Wir haben damals so lange mit Papier und Pappe rumgebastelt, bis wir eine brauchbare Vorlage hatten.“

Heinz Hille

„Wir haben damals so lange mit Papier und Pappe rumgebastelt, bis wir eine brauchbare Vorlage hatten“, erinnerte sich Hille später. Der 88-Jährige lebt heute in Baunatal. Seine Idee hat er sich nie patentieren lassen. Vorläufer der Parkzeitbegrenzung gab es bereits in Paris. Trotzdem gilt Hille in Deutschland als Erfinder der Parkscheibe, wie wir sie heute kennen.

Bei den Kaufleuten kam die Idee hervorragend an, juristisch wasserdicht war sie deshalb noch lange nicht. Das Wochenmagazin Der Spiegel berichtete 1962 über den Prozess vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof. Gegenstand sei ein Stück Pappe, mit dem Kassels Polizeipräsident die Parkplatznöte seiner Stadt erfolgreich bekämpfe. Der Kasseler Makler Karl-Heinz Glebe wird als Kläger genannt. Der wolle mit seinem Opel Kapitän weiterhin ohne Beschränkung vor seinem Haus in der Innenstadt parken.

Das Kuriose an dieser Klage: Der Polizeipräsident und der Makler waren befreundet. „Ich habe ihn zu der Musterklage überredet, damit wir endlich Rechtssicherheit hatten“, erinnert sich Heinz Hille. Über anderthalb Jahre ging der Fall durch die Instanzen. Dann endlich entschieden die Richter, dass die Parkscheibe eingesetzt werden darf. Auch Knöllchen für die Überschreitung der Zeit waren damit legitimiert.

Innerhalb kurzer Zeit zogen andere deutsche Städte nach und führten Kurzparkzonen ein. Heute gehört die Parkscheibe zur Ausstattung in jedem Auto. Vor 50 Jahren hatte sie ihren Durchbruch.

Von Thomas Siemon

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