20-Jähriger steht wegen Messerangriff auf widerborstigen Gast vor dem Landgericht

Die Party endete tödlich

Kassel. Nur ein einziger Stich war es, doch der traf tödlich. Weil er im Juli 2011 einen Gast seiner Wohnungseinweihungsparty erstochen hat, muss sich ein 20-Jähriger seit Dienstag vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann Totschlag vor.

Groß, schmächtig, mit Brille, kurzem Haar und Bartflaum, so sitzt der mutmaßliche Messerstecher auf der Anklagebank – die Personifizierung eines Wortes, das er später auch selbst bei der Beschreibung des Tatgeschehens verwenden wird: hilflos.

Der 20-Jährige ringt um Worte, versucht verzweifelt zu erklären, was in jener Nacht in seinem Appartement in der Mombachstraße an Kassel geschehen ist – und warum.

„Ich kannte ihn eigentlich nicht“, sagt er über den Mann, den er getötet hat. Ein Nachbar hatte den 26-Jährigen mitgebracht zu der kleinen Party, mit der der Angeklagte den Einzug in seine erste eigene Wohnung feiern wollte. Mit steigendem Alkoholpegel habe es immer mehr Reibereien gegeben. Und nachdem der 26-Jährige mit einem weiteren Gast auf der Straße seine Kräfte habe messen wollen (was mit einer zerdepperten Haustür endete), sei die Lage immer mehr eskaliert.

„Er fühlte sich als schwarzes Schaf“, erzählt der Angeklagte. „Egal, was man ihm gesagt hat, er fühlte sich angegriffen.“ Er habe Streit gesucht, sei allen auf die Nerven gefallen – und habe sich geweigert zu gehen.

„Ich war hilflos.“ Da habe er, sagt der 20-Jährige, sein Klappmesser aus dem Fernsehschrank geholt. „Ich hatte die Hoffnung, wenn er das Messer sieht, dass er dann seine Sachen nimmt und geht.“

„Ich hatte die Hoffnung, wenn er das Messer sieht, dass er dann seine Sachen nimmt und geht.“

Angeklagter

Doch der 26-Jährige habe nur gesagt: „Stich doch zu!“ Und seine Hand zur Faust geballt. Da habe er zugestochen, im Reflex. Ein einziges Mal, in die Brust. „Mir kam das alles so vor, als ob es in Zeitlupe abläuft.“ Sein Opfer habe danach noch sein Glas ausgetrunken, seine Jacke angezogen und sei gegangen. „Ich habe gedacht, dass ich Glück gehabt und ihn nicht getroffen habe.“ Doch vor der Tür brach der 26-Jährige dann zusammen. Jede Hilfe kam zu spät.

Als der Angeklagte spricht, sitzt ihm die Mutter des Getöteten als Nebenklägerin gegenüber. Und je länger er redet, desto fassungsloser wird sie. Tränen rinnen ihr über das Gesicht, immer wieder verbirgt sie den Kopf in den Händen.

„Empört“ sei sie, hat zuvor ihr Anwalt Knuth Pfeiffer gesagt. Aber nicht wegen des Angeklagten, sondern wegen des Gerichts.Die Schwurgerichtskammer hat die Termine für das Verfahren festgelegt, ohne sie mit der Nebenklage abzustimmen. Mit der Folge, dass Pfeiffer an allen drei weiteren Verhandlungstagen verhindert ist. Der Nebenklagevertreter stellte darum einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Volker Mütze. Bis zum nächsten Prozesstermin am 13. März soll darüber entschieden werden.

Von Joachim Tornau

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