Christopher Street Day soll politischer werden

Kassel: CSD gegen Regenbogen-Kapitalismus - Boykott der FDP

Kämpfen symbolisch mit der Faust für mehr Gleichberechtigung: Frank Engelhardt (von links), Hannah Windisch und Lola Blume organisieren den morgigen Christopher Street Day in Kassel.
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Kämpfen symbolisch mit der Faust für mehr Gleichberechtigung: Frank Engelhardt (von links), Hannah Windisch und Lola Blume organisieren den morgigen Christopher Street Day in Kassel.

Der Christopher Street Day in Kassel soll wieder politischer werden. Die Demonstration der queeren Szene wird von einem linken Bündnis organisiert. Die FDP boykottiert darum die Veranstaltung.

Kassel – Als Ikea im Juni seinen Online-Warenkorb in Regenbogenfarben bunt machte, war das für Hannah Windisch kein gutes Zeichen. Zwar begrüßt es die 26-Jährige, wenn sich die Gesellschaft mit Homo- und Bisexuellen und Transgender-Menschen solidarisiert, aber in dem Fall markierten die Farben der queeren Szene ein Problem: „Unternehmen wollen das Geld aus queerfreundlichen Taschen ziehen. Inhaltlich steckt wenig dahinter.“

Auch der Christopher Street Day (CSD), der jährlich an die Anti-Schwulen-Razzia in der Bar Stonewall in der New Yorker Christopher Street und den folgenden Aufstand der Szene 1969 erinnert, ist laut Windisch „eine ziemliche Kommerzveranstaltung geworden. Wir wollen ihn wieder repolitisieren“.

Die angehende Lehrerin engagiert sich nicht nur in der Linksjugend Solid, sondern auch in der Initiative Rosa, einem internationalen Zusammenschluss von sozialistischen Feministinnen. Die zwölfköpfige Kasseler Gruppe hat den CSD organisiert, dessen Umzug am morgigen Samstag, 12 Uhr, am Kasseler Hauptbahnhof startet. Er soll immer noch Party sein, aber wird wohl auch etwas von einem Parteitag haben. Der CSD-Verein, der jahrelang für die Parade verantwortlich war, hat sich längst aufgelöst. Ein anderes Orga-Team, das 2019 den Neustart gewagt hatte, sah sich unter anderem wegen Corona außerstande, die Menschen wieder auf die Straße zu holen.

„Reclaim the Streets“ lautet das Motto an diesem Samstag, die Demonstranten fordern also die Straße für sich zurück. Wegen Corona gilt während des Umzugs nach wie vor Maskengebot und Abstand halten. Im Vorjahr hatte es wegen Corona keinen richtigen CSD gegeben. 2019 hatten 1300 Menschen in der Innenstadt gefeiert. Diesmal sollen es 500 werden.

Sie wollen nicht nur gegen den „Regenbogenkapitalismus“ protestieren, wie es auf Instagram heißt, sondern auch für mehr Gleichstellung für alle, die immer noch nicht erreicht sei, wie Windisch sagt. Mit ihrer Mitstreiterin Lola Blume kann sie aus dem Effeff Studien zitieren, nach denen sich an der Arbeit jeder dritte Homosexuelle diskriminiert fühlt. Bei Trans-Menschen sind es sogar 40 Prozent.

Während sich Windisch als Hetero-Frau aus Solidarität mit der queeren Szene engagiert, hat sich Blume geoutet. Die 16-Jährige ist nicht nur in der Linksjugend aktiv, sondern auch bei der Jugendwahl, Fridays for Future und Black-lives-Matter-Demos. Zudem war Blume Schulsprecherin am Goethe-Gymnasium. Nun wechselt sie auf die Jacob-Grimm-Schule. Beide wollen, dass der CSD in Zukunft wieder von einem breiten Bündnis getragen wird.

Das gefällt auch Frank Engelhardt, der schon beim ersten Kasseler CSD 1992 dabei war und die Veranstaltung nach wie vor mitorganisiert. Dagegen wird die FDP die Parade boykottieren. Zuletzt waren die Liberalen stets mit einem Truck vertreten. Nun sagt der Kasseler Bundestagsabgeordnete Matthias Nölke: „Eine Vereinnahmung durch linksextreme Ansichten machen wir nicht mit.“ Der Slogan „Gegen Regenbogenkapitalismus“ stamme zudem aus dem Sprachgebrauch von Leuten wie Russlands Präsident Wladimir Putin. Nölke hält das für inakzeptabel.

Die AfD wiederum wollte am Samstag ihren Wahlkampfauftakt in der Innenstadt machen, doch der CSD war schon angemeldet. Daraufhin zog die Partei zunächst nach Baunatal um. Nun lässt sie ihre Veranstaltung ausfallen, wie Direktkandidatin Sibylle Johst sagt. (Matthias Lohr)

CSD in Kassel

Start: Samstag, 12 Uhr, am Kulturbahnhof. Über Bürgermeister-Brunner-Straße, den Königsplatz, wo es eine Zwischenkundgebung gibt, und den Halitplatz geht es zum Nordstadtpark, wo der Abschluss ist.

Weiterer Termin: Am 3. September, 17.30 Uhr, lässt die Initiative Rosa den CSD im Schlachthof Revue passieren. Dort ist jeder willkommen.

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