Werden Kinder ausgenutzt?

Passanten besorgt: Kind beim Betteln dabei

So klein und schon bei der Straßenmusik eingespannt: Der Akkordeonspieler, der nach eigenen Angaben aus Ungarn stammt, nimmt seinen vierjährigen Sohn regelmäßig mit, wenn er in der Stadt Musik macht, um an Geld zu kommen. Passanten machen sich Sorgen um das Kind. Foto: privat

Kassel. Viele Bettler und Straßenmusiker versuchen in diesen Tagen in der Kasseler Innenstadt, Spenden zu bekommen. Ein kleiner Junge, der mit seinem Akkordeon spielenden Vater regelmäßig an der Oberen Königsstraße sitzt, hat dabei die Aufmerksamkeit von Passanten erregt.

„Wenn ein Erwachsener mit Musik um Geld bettelt, ist das eine Sache, aber sein Kind mitzunehmen, finde ich ein Unding“, sagt ein 32-jähriger Familienvater aus Kassel, der die HNA auf den Fall aufmerksam machte. Der Kasseler, der in der Innenstadt arbeitet und den bettelnden Vater mit Sohn schon in der vergangenen Woche mehrfach beobachtet hat, macht sich Sorgen um das Kind. „Es wird doch nur benutzt, um das Mitleid zu erhöhen.“ Er habe bereits Jugend- und Ordnungsamt informiert, sagt der 32-Jährige, doch der Junge sitze immer wieder mit seinem Vater am Friedrichs- oder Königsplatz.

Gegenüber der HNA sagte der Vater, der nur einige Brocken Deutsch spricht, er komme aus Ungarn. Mit der Musik versuche er, Geld zu verdienen. „Ist schwer“, sagt er. Sein Sohn sei vier Jahre alt. Der Junge mit den grün-braunen Augen sitzt, in dicker Winterkleidung, neben dem Vater und spielt lautlos auf einem kleinen Keyboard oder einer Plastikgitarre herum, während sein Vater auf dem Akkordeon musiziert.

Ob dem Jungen nicht kalt werde den ganzen Tag auf der Straße? Der Vater nickt und zuckt mit einem hilflosen Gesichtsausdruck die Achseln. „Muss“, sagt er.

Wohnen im Mehrbettzimmer

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Auch die Mutter ist an diesem Tag dabei. Die Familie berichtet, dass sie in Kaufungen-Papierfabrik untergekommen ist - in einem Mehrbettzimmer mit anderen Bewohnern. 10 Euro koste die Übernachtung für einen Erwachsenen - also jedes Mal 20 Euro für die Familie. Mit der Musik verdiene er etwa 30 Euro am Tag, sagt der Vater. Nach dieser Rechnung blieben täglich zehn Euro, um die Familie zu ernähren. Er wolle bald zurück nach Budapest, dort könne er wieder als Musiker und Tellerwäscher arbeiten, sagt der Mann. Doch es fehle das Geld für die Fahrkarte. Um es zusammenzubekommen, wird er weiter Akkordeon spielen. Und sein Sohn sitzt wohl weiter daneben.

Das sagt die Stadt:  "Kein Anzeichen für Kindeswohlgefährdung"

Der Fall des Straßenmusikers mit dem Kind sei sowohl dem Ordnungs- als auch dem Jugendamt bekannt, teilte Stadtsprecherin Petra Bohnenkamp auf Anfrage mit. Weil der Mann keine Erlaubnis für Straßenmusik hatte, wurde er aufgefordert, die Musik einzustellen. Ansonsten sei bloßes Betteln nicht verboten.

Sofern für ein Kind noch keine Schulpflicht bestehe, die einzuhalten sei, und es einen guten körperlichen Eindruck mache, bestehe für das Jugendamt keine Notwendigkeit einzugreifen, heißt es in der Stellungnahme der Stadt. Bei der Ordnungsamts-Kontrolle habe das Kind grundsätzlich einen "guten Eindruck" gemacht. Das anschließend informierte Jugendamt habe Vater und Kind nicht angetroffen, daher sei eine Gefährdungseinschätzung nicht möglich gewesen. "Es ist für die Entwicklung von Kindern zweifellos nicht förderlich, zum Betteln angehalten zu werden", erläutert Bohnenkamp. "Jedoch bietet das alleinige Begleiten eines Kindes beim Musizieren seines Vaters in der Innenstadt noch kein Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung."

Zugleich weist die Stadtsprecherin darauf hin: "Würden bettelnde Kinder konsequent von Passanten ignoriert, wäre diese Form der Geldbeschaffung nicht attraktiv. Jeder hat es also durch sein eigenes Verhalten in der Hand, dieser Form der Ausbeutung von Kindern entgegenzuwirken."

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