Etwa zwei Drittel der Langzeitbeatmeten können wieder von Geräten entwöhnt werden

Patienten müssen atmen lernen

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Modernste Technik: Die Intensivmedizinerin Sigrid Verlaan richtet am Kasseler Marienkrankenhaus ein Beatmungsgerät ein.

Mein Vater ist seit drei Wochen nach einer Operation an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Welche Aussichten haben Langzeitbeatmete, wieder von den Beatmungsgeräten loszukommen?“, fragt eine Leserin aus Kassel.

Antworten hat Privatdozent Dr. Andreas Bastian, Chefarzt der Medizinischen Klinik für Pneumologie am Marienkrankenhaus Kassel.

Andreas Bastian

„In einem Zentrum für Beatmungsmedizin können etwa zwei Drittel der Patienten von den Beatmungsgeräten entwöhnt werden“, sagt Bastian. Diesen Prozess der Entwöhnung nennt man in der Fachsprache „Weaning“. In den vergangenen Jahren hat sich am Marienkrankenhaus das zertifizierte Zentrum für Heimbeatmung und Respiratorenentwöhnung etabliert. Etwa 50 Patienten werden dort pro Jahr oft über mehrere Monate behandelt. Bundesweit sind es etwa 2500. „Die Dunkelziffer ist jedoch deutlich höher“, sagt Bastian. Die Langzeitbeatmung stelle im Grunde eine eigene Art von Erkrankung dar.

Häufig sind Patienten nach einer Operation nicht mehr in der Lage, allein zu atmen. Viele haben laut Bastian Vorerkrankungen. Aber es kann auch zuvor gesunde Menschen treffen, beispielsweise durch Unfälle. Ebenso können chronische Lungenerkrankungen, Infektionen und Entzündungen eine Langzeitbeatmung erforderlich machen.

Doch warum? „Nach kräftezehrenden Erkrankungen und Operationen ist die Atemmuskulatur überlastet und erschöpft“, erklärt der Pneumologe. Die Beatmungsgeräte sorgen dafür, dass die Atemmuskulatur entlastet wird und sich erholen kann. Doch es wird zunehmend schwieriger, die Patienten wieder von den Geräten zu entwöhnen. Von Langzeitbeatmung spricht man bereits nach einer Woche.

Viele Disziplinen beteiligt

Am Marienkrankenhaus werden jedoch häufig Langzeit- Intensivpatienten behandelt, die bereits über Wochen und Monate beatmet werden. „Für die Entwöhnung ist das Zusammenspiel unterschiedlicher ärztlicher Disziplinen notwendig“, sagt Bastian. Dazu gehören neben Pneumologen, Beatmungs- und Intensivmedizinern beispielsweise auch Krankengymnasten, Atemtherapeuten und Logopäden, denn häufig müssen die Patienten auch das Schlucken wieder lernen. Außerdem sei die Einbettung in eine breit aufgestellte Innere Medizinische Abteilung sowie in die Schlafmedizin wichtig.

Zuwendung und Motivation

Bastian: „Die Patienten brauchen sehr viel Zuwendung und Motivation.“ Nach einer umfangreichen und strukturierten Untersuchung, bei der vor allem die Atemmuskulatur im Fokus steht, wird so versucht, die Patienten schrittweise von den Beatmungsgeräten zu entwöhnen.

Das Ziel ist, dass Patienten ganz ohne Geräte auskommen. Bei der Hälfte der Fälle gelingt dies laut Bastian. Manche Patienten müssen mithilfe einer Beatmungsmaske weiter versorgt werden - auch diese Patienten gelten als entwöhnt. Patienten, die eine ständige intensive Beatmungstherapie benötigen, können auch in Pflegeheimen mit Beatmungsplätzen untergebracht und von den Fachärzten weiterbetreut werden.

Von Mirko Konrad

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