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Erfindung aus Kassel ist in mehr als 90 Ländern im Einsatz

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Von: Claudia Feser

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Sauberes Wasser: Die Trinkwasseraufbereitungsanlage Paul aus Kassel macht aus Dreckbrühe sauberes Wasser. Unser Bild zeigt Paul in einem Dorf in Ecuador.
Sauberes Wasser: Die Trinkwasseraufbereitungsanlage Paul aus Kassel macht aus Dreckbrühe sauberes Wasser. Unser Bild zeigt Paul in einem Dorf in Ecuador. © Roland Trottmann/Claudia Feser

Die Trinkwasseraufbereitungsanlage Paul aus Kassel macht aus Dreckbrühe sauberes Wasser. Damit werden weltweit Menschen mit Trinkwasser versorgt.

Kassel – Paul ist ein Lebensretter. Er liefert jeden Tag zigtausend Liter Trinkwasser für zigtausend Menschen. Sie leben dort, wo es kein sauberes Trinkwasser gibt: in entlegenen Bergregionen, in Überschwemmungsgebieten, im Krieg. Paul ist eine mobile Trinkwasseraufbearbeitungsanlage, die aus fast jeder noch so dreckigen Brühe Trinkwasser filtern kann, zum Beispiel aus Seen, Pfützen und Straßengräben, sagt Franz-Bernd Frechen, 68, aus Kassel.

Franz-Bernd Frechen Ingenieur
Franz-Bernd Frechen Ingenieur © Feser, Claudia

Der emeritierte Professor arbeitete im Fachgebiet Siedlungswasserwirtschaft an der Universität Kassel und hat Paul aus Neugier entwickelt. Weil der Ingenieur Ende der 1990er-Jahre wissen wollte, was mit der neuen Membran so alles möglich ist, die sein Studienkollege 1999 erstmals in einer kleinen Kläranlage in Nordrhein-Westfalen eingesetzt hatte. Frechen bat den Hersteller der Membran um Proben und machte Tests. Ergebnis: Die Membran, die aussieht wie ein Schwamm mit Porengängen, kann Wasser filtern und aus Dreckbrühe Trinkwasser herstellen.

Trinkwasseraufbereitungsanlage Paul: Prototyp wurde bereits 2010 präsentier

Weil Zeit und Forschungsgeld fehlte, konnte erst 2010 der Prototyp präsentiert werden. Paul ist blau und hat einen Deutschlandflaggen-Aufkleber. „Paul kam erstmals 2010 nach einer Überschwemmungskatastrophe in Pakistan zum Einsatz. Die Taliban reklamierten alle Unterstützung für sich. Ich habe deshalb entschieden, die deutsche Flagge auf jeden Paul zu kleben, damit klar ist, dass die Hilfe aus Deutschland kommt“, sagt Paul-Erfinder Frechen.

Jeder Geflüchtete, der auf der Aquarius übers Mittelmeer nach Europa gekommen ist, hat Trinkwasser aus unserem Paul getrunken.

Franz-Bernd Frechen

Das Besondere an Paul ist die kinderleichte Bedienung, die in vier Piktogrammen erklärt wird: Wasser schöpfen, einfüllen, durchlaufen lassen, trinken. „Wir begrenzen den Druck durch die 80 Zentimeter Bauhöhe bis zum Schlauch, aus dem dann das Wasser fließt.“ Strom ist nicht nötig, die Anlage funktioniert mit einem schwerkraftbetriebenen Durchfluss. Sie läuft so lange, wie Wasser im Vorratstank ist. Es gibt Paul auch als Stationsvariante, bei der ein Schwimmer eingebaut wird, damit er auch unbeaufsichtigt dauernd filtrieren kann.

Sauberes Trinkwasser: Paul ist in 90 Ländern im Einsatz

Paul wurde bislang in 90 Länder geliefert, etwa in die Ukraine (551 Stück), in Nepal (428), Pakistan (351), Vietnam (320) und Haiti (200). Sie werden durch Spenden finanziert; ein Paul kostet aktuell 1200 Euro. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kauft regelmäßig Pauls und nimmt sie mit in Krisengebiete, außerdem Lions-Clubs, Rotarier-Verbände, das Land Hessen und Privatpersonen.

Franz-Bernd Frechen berichtet von einer jungen Frau aus Bayern, die nach ihrem Abitur zum Arbeiten nach Uganda gegangen war. Sie wollte die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessern und kaufte 2018 ein Grundstück. Darauf ließ sie ein großes Loch ausbaggern, in dem Regenwasser gesammelt wird, und ein Gebäude mit solarbetriebener Pumpe für eine Paul-Anlage bauen. Das Wasser aus dem Teich liefert nun dank Paul Trinkwasser für die Menschen und ist zugleich Tränke für die Tiere.

Paul kann auch Trinkwasser produzieren, das aus Salzwasseraufbereitungsanlagen am Meer kommt. Frechen: „Jeder Geflüchtete, der auf der Aquarius übers Mittelmeer nach Europa gekommen ist, hat Trinkwasser aus unserem Paul getrunken.“

Paul in Zahlen

4 Buchstaben stehen für sauberes Trinkwasser: PAUL. Das steht für Portable Aqua Unit for Lifesaving.

99,99 Prozent Schutz gewährt die Paul-Anlage vor Bakterien und Viren im Mittel. Das haben Untersuchungen des Umweltbundesamts ergeben.

400 Stück können im Monat maximal produziert werden – wenn ausreichend Material vorhanden ist. Die Gehäuse werden von einer Firma bei Berlin mittels Rotomoulding produziert. Dieses Kunststoff-Bearbeitungsverfahren für Hohlkörper ähnelt der Herstellung von Schokoladen-Osterhasen. Alle Paul-Einzelteile werden schließlich von Mitarbeitern des Vereins Sozialgruppe Kassel montiert.

3000 Liter Wasser kann Paul täglich im Durchschnitt zu Trinkwasser filtern. Maximal sind 6000 Liter möglich und mindestens 1200 Liter.

4119 Pauls wurden bislang ausgeliefert, darunter sind 551 Geräte, die in der Ukraine sauberes Trinkwasser liefern.

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