Jacob und Wilhelm Grimm machten das Hildebrandslied für die Menschen lesbar und verständlich

Mit Pauspapier Schatz kopiert

„Ein Geschenk für die Caßeler Bibliothek des Museums von den Verfaßern“: Diese Signatur steht in der Faksimileausgabe der Grimms. Foto:  Fischer

Kassel. Heute wäre es wohl undenkbar, was Wilhelm Grimm zwischen 1823 und 1833 mit einem der größten Kunstschätze der Stadt Kassel gemacht hat: Mit Pauspapier kopierte er das aus dem 9.  Jahrhundert stammende Hildebrandslied, das älteste germanische Heldenlied. Sogar die Löcher vom Original brachte Wilhelm auf die Durchschrift.

Zwar ist das Original, das sich heutzutage wieder in der Handschriftensammlung der Landes- und Murhardschen Bibliothek Kassel unter Verschluss befindet, in der Ausstellung „Expedition Grimm“ in der documenta-Halle nicht zu sehen. Allerdings wird dort am Beispiel des von Mönchen aufgeschriebenen Hildebrandslieds deutlich gemacht, dass es eine Lebensaufgabe beider Brüder war, alte Sprach- und Literaturüberlieferungen zugänglich und anschaulich zu machen.

„Es war ihre erste gemeinsame Veröffentlichung“, sagt Caroline Kaiser, Mitkuratorin der Ausstellung. „Am Hildebrandslied wird auch deutlich, dass die Grimms sich für ein Thema jahrzehntelang begeistern konnten.“ Das Werk gelte als Meilenstein der modernen germanischen Philologie.

Zum ersten Mal sei das altdeutsche Lied über den Heeresführer Hildebrand und seinen Sohn Hadubrand sprachwissenschaftlich untersucht und kritisch herausgegeben worden. Das Exemplar, das in der documenta-Halle gezeigt wird, ist von den Grimms signiert worden: „Ein Geschenk für die Caßeler Bibliothek des Museums von den Verfaßern“.

Die Brüder gingen bei ihrer Arbeit in vier Schritten vor: Nach dem zeilengetreuen Abdruck der Handschrift stellten sie den frühmittelalterlichen Text in seiner poetischen Form wieder her. Anschließend übersetzten sie das Heldenlied wörtlich ins Neuhochdeutsche und lieferten letztlich noch eine lesbare Sinnübersetzung des Inhaltes.

Natürlich konnten Jacob und Wilhelm Grimm nicht das Ende der Geschichte von Hildebrand und seinem Sohn übersetzen. Denn die Aufzeichnung der Mönche brach an der spannendsten Stelle ab, weil das Papier nicht für das Ende ausreichte. Wie ist wohl der Kampf zwischen Hildebrand und Hadubrand ausgegangen?

Heutzutage würde mit solch einer Frage die Folge einer Fernsehserie enden, sagt Caroline Kaiser. Die Ausstellung greift zwei mögliche Ausgänge mit Drehbuch-Versionen auf: Das Drama, in dem Hildebrand seinen Sohn tötet und die Happy-End-Variante, in der Vater und Sohn beide überleben und sich versöhnen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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