Pensionierter Jurist fährt leidenschaftlich gern Tandem

Wer radelt mit blindem Richter?

Der vordere Sattel ist frei: Der ehemalige Oberlandesrichter Reinhold Schulz aus Kassel ist blind und sucht einen neuen Partner zum Tandemfahren. Foto: Ludwig

Kassel. Reinhold Schulz fährt leidenschaftlich gern Tandem. Weil das nur mit Partner geht, sucht der blinde Ex-Richter nun einen Mitstreiter.

Reinhold Schulz hat jahrzehntelang ohne Ansehen der Person geurteilt. Der 64-jährige ehemalige Oberlandesrichter aus Kassel ist blind. Bei einem Autounfall verlor er als 16-Jähriger sein Augenlicht vollständig. Doch der heute in Kirchditmold lebende Mann zerbrach daran nicht. Er studierte in Marburg, wurde Richter, heiratete und bekam einen Sohn. Seit seiner Pensionierung vor zwei Jahren hat er noch mehr Zeit für sein Hobby: Tandemfahren. Doch dafür fehlt ihm nun der Rad-Partner.

Reinhold Schulz macht ungern großes Aufsehen um sich. Er habe lange überlegt, bevor er sich mit seinem Anliegen an die HNA wandte. Aber da ist eine Lücke in seinem Leben, die er gern wieder füllen würde. Die Lücke, das ist der vordere Sattel seines Tandems. Genauer gesagt hat er zwei Tandems, beides Spitzenmodelle der Marke Santana. „Ein Rad wiegt nur 13 Kilo, das leichteste Tandem der Welt“, sagt Schulz.

Niemand muss mir sagen, wo wir gerade entlangfahren. Ich höre und rieche, ob wir durch den Wald oder einen Ort fahren.“

Mit seinen Fahrrädern hat der Richter im Ruhestand viele Touren unternommen und war bei etlichen Radsportveranstaltungen mit von der Partie. Bis zu 120 Kilometer an einem Tag hat er mit seinem früheren Rad-Partner zurückgelegt. Sein bisheriger Pilot, so heißt der Radfahrer, der vorn auf dem Tandem sitzt und lenkt, wohnt in Fritzlar. Für diesen war – nach vielen gemeinsamen Jahren auf dem Rad – die Anreise bis nach Kassel irgendwann zu aufwendig.

Kontakt zu Reinhold Schulz

0151 / 53568248 oder E-Mail rschulz.ks@gmail.com

Nun sucht Schulz eine radsportbegeisterte Person, die mit ihm in die Pedale tritt. Denn für Sehbehinderte sei Tandemfahren eine der wenigen Sportarten, bei denen sie sich „auspowern“ können. „Für mich ist Radfahren das Abtasten der Erdoberfläche. Jedes Schlagloch ist spürbar. Niemand muss mir sagen, wo wir gerade entlangfahren. Ich höre und rieche, ob wir gerade durch den Wald oder einen Ort fahren“, sagt Schulz.

Oft seien die Menschen verwundert, wenn er ihnen sage, dass sie an der nächsten Kreuzung abbiegen müssten. Auch als Blinder könne man sich in vertrauten Umgebungen orientieren. Ob er dem Piloten nicht dennoch vertrauen müsse? „Das war für mich nie ein Thema. Ob jemand sicher fährt, merke ich sofort.“

Blind seit Autounfall 1966

Dass Schulz seine Gesundheit in die Hände anderer legt, ist erstaunlich. 1966 war der damalige Landmaschinenschlosserlehrling Beifahrer im Auto seines Arbeitskollegen, als dieser auf dem Heimweg einen Unfall verursachte. Der

16-Jährige flog durch die Windschutzscheibe. Schulz nimmt es heute mit Ironie: „Ich bin ein Grund dafür, dass es heute die Gurtpflicht gibt.“

An seinen gesuchten Rad-Partner stellt er keine großen Bedingungen: Er sollte gern Rad fahren. „Auf dem Tandem sind zwei Dinge ausgeschlossen. Der Vordermann fährt nicht davon, der hintere überholt nicht.“ Einen Kleinbus, um das Tandem zum Ausgangspunkt der Touren zu bringen, hat Schulz.

Von Bastian Ludwig

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