Interview mit Ilana Katz

Jüdische Gemeinde in Kassel feiert Pessach per Videoschalte

Der Sederabend: Dieses Bild hat Ilana Katz gemalt. Zu sehen ist, wie aus der Haggadah über den Auszug aus Ägypten vorgelesen wird.
+
Der Sederabend: Dieses Bild hat Ilana Katz gemalt. Zu sehen ist, wie aus der Haggadah über den Auszug aus Ägypten vorgelesen wird.

Es ist bereits das zweite Pessach, das die Jüdische Gemeinde in Kassel unter Coronabedingungen feiern muss. An Pessach erinnern die Juden an die Befreiung des Volks Israel aus der Sklaverei in Ägypten.

Kassel ‒ Am Samstag, 27. März, findet das achttägige Pessachfest mit dem Sederabend seinen Auftakt. Wir sprachen darüber mit Ilana Katz, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde.

Was bedeutet das Pessachfest für jüdische Gläubige?
Wir feiern den Auszug des jüdischen Volks aus Ägypten und dass wir freie Menschen geworden sind. Zugleich erinnern wir an den langen Weg durch die Wüste ins Gelobte Land. Deshalb essen wir am Vorabend von Pessach auch bestimmte Speisen in einer bestimmten Reihenfolge, die an die Wunder in der Wüste erinnern. Pessach ist für uns ein Fest der Freiheit und der Hoffnung. Es findet immer im Frühling statt, da erleben wir auch in der Natur mehr Licht, mehr Wärme, das erste Grün. So steht die Zeit um Pessach für einen Neuanfang.
Inwiefern beeinträchtigt Corona das Fest?
An Pessach-Seder kommt traditionell die ganze Familie zuhause am Tisch zu einem festlichen Essen zusammen. Dabei wird aus der Haggadah vorgelesen, einem Buch, das den Auszug aus Ägypten beschreibt. In der Pandemie kann da nur der engste Familienkreis zusammenkommen. Seit einigen Jahren feiern wir den Sederabend auch in der Synagoge, damit allein lebende Menschen an diesem Tag die Gemeinschaft erleben. Im vorigen Jahr war das wegen Corona leider nicht möglich. Und auch dieses Jahr wollen wir vorsichtig sein.
Wie haben Sie sich auf die eingeschränkten Möglichkeiten vorbereitet?
Wir haben Tüten vorbereitet mit Seder-Speisen, süßem Wein und koscherer Schokolade gefüllt. Die bringen wir bei älteren und kranken Menschen vorbei. Und einige von uns schalten sich Internet zu einem Online-Sederabend zusammen. In der Pandemie haben wir neue Formen für unser Gemeindeleben gefunden. Wir haben sogar extra Computerschulungen für Ältere angeboten, damit sie bei Online-Angeboten mitmachen können. Heute Abend wollen sogar alle zusammen singen. Ich bin gespannt, wie das über die Videokonferenz funktioniert (lacht).
Inwiefern hat das Pessachfest in der Pandemie mit seiner Freiheitsbotschaft besondere Aktualität?
Seit vergangenem Samstag, als die Querdenker in Kassel demonstriert haben, ist das ein schmerzhaftes Thema. Das war ein Missbrauch des Freiheitsbegriffs. Es waren auch Menschen mit einem gelben Stern an der Brust und der Aufschrift „ungeimpft“ unter den Demonstranten. Einige dieser Leute verkaufen sich als eine neue Anne Frank. So etwas empört mich zutiefst. Es ist sehr enttäuschend, dass so eine Veranstaltung in Kassel möglich war. Es begrenzt die Freiheit von allen anderen Menschen und insbesondere die Freiheit der Juden. Unsere Gemeinde hat Reaktionen aus ganz Deutschland dazu bekommen.
Wie möchten Sie den Freiheitsbegriff an Pessach davon abgrenzen?
Nur einer freier Mensch kann glücklich sein. Deshalb feiern wir Pessach. Aber dabei geht es nicht nur um äußere Freiheit, sondern auch um innere Freiheit. Für mich bedeutet das, sich frei und ohne Angst bewegen zu können. Die Beschränkungen in der Coronazeit nehmen uns zwar bestimmte Möglichkeiten. Aber das höchste Gut ist das menschliche Leben. Dafür schränken wir die Kontakte ein, aber nicht unsere innere Freiheit. (Katja Rudolph)
Ilana Katz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel

Zur Person

Ilana Katz (58) ist seit 2009 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel mit rund 800 Mitgliedern. 2015 gründete sie das Sara-Nussbaum-Zentrum für Jüdisches Leben, des Geschäftsführerin sie ist. Katz stammt aus der lettischen Hauptstadt Riga und lebt seit über 20 Jahren in Nordhessen. Die studierte Biologin gründete hier einen Pflegedienst und ist Chefin von 150 Mitarbeitern. Ilana Katz ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann in Vellmar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.