70 Prozent bekommen einen Job

Pestalozzischule: Förderschüler nehmen am normalen Leben teil

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Viel Platz: An der Pestalozzischule an der Mattenbergstraße bekommen Förderschüler intensive Starthilfe in das Berufsleben.

Kassel. Hans-Jürgen Nickel, Schulleiter der Pestalozzischule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen und regionales Förderzentrum im Kasseler Süden, bricht eine Lanze für die Sonderpädagogik: „Wie sich manche Kinder auf einer Regelschule durchkämpfen, ist einigen Eltern scheinbar egal.“

Er bezweifelt, dass die hohe und intensive pädagogische Qualität, die seine Schützlinge an der Pestalozzischule - und an anderen Förderschulen - erfahren, an einer Regelschule in der Form aufrechterhalten werden kann.

Wie andere Förderschulen hat die Pestalozzischule in den vergangenen zehn Jahren viele Schüler verloren: 136, das sind fast zwei Drittel.

Man verlasse mit dem Recht auf Inklusion ein vertrautes System und wisse doch, dass der besondere Bedarf mancher Kinder weiter bestehen bleibt. Für Nickel und sein Kollegium steht deshalb außer Frage, dass auch weiterhin leistungsfähige Förderschulen gebraucht werden.

Mobbing und andere Formen von Ausgrenzung verschwänden nicht automatisch, weil ein Kind inklusiv beschult wird. Manchmal sei sogar das Gegenteil der Fall. Mehr als einmal habe Nickel die Klagen von Eltern gehört, die ihr Kind in einer Regelschule inklusiv beschulen lassen: „Mein Kind hat nur noch Bauchschmerzen und ist überfordert.“ Diesen Frust wollen Nickel und sein Kollegium den Kindern ersparen. „Wir sind ja Anlaufstelle für die ganze Familie“, sagt Manfred Harbusch, der Stufenleiter Berufsorientierung.

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Die Pädagogen an der Pestalozzischule wehren sich gegen den Vorwurf, Förderschulen bereiteten ihre Schüler nicht auf reale Lebensbedingungen vor. „Unsere Schüler nehmen am normalen Leben teil, wir sind doch keine beschützende Werkstatt“, sagt Nickel. Allerdings gebe es einige Kinder, die mehr Hilfe als andere benötigten, um in das normale berufliche Leben hineinzukommen. 70 Prozent aller Pestalozzischüler schafften den Hauptschulabschluss. Und weit über 70 Prozent aller ehemaligen Pestalozzischüler finden laut Konrektorin Ulrike Schlüter einen Platz auf dem Arbeitsmarkt.

Dafür legt sich die Schule ins Zeug. Ab der Klasse 7 beginne die systematische Berufsorientierung in Zusammenarbeit mit vielen außerschulischen Partnern, so Harbusch: „Das ist unsere Stärke. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Schüler nicht gefrustet und von Schule nicht enttäuscht sind.“

Nickel: „Die Verantwortlichen müssen dafür sorgen, dass das System Förderschulen nicht zerschlagen wird, sonst ist es für immer verloren.“

Hintergrund: In Hessen gilt Inklusion 

Inklusion bedeutet Einschluss. Der Begriff beschreibt einen Zustand, in dem alle Menschen zu einer Gesellschaft gehören. So unterscheidet sich Inklusion von Integration, da man bei Integration davon ausgeht, dass bestimmte Menschen nicht von vornherein dazugehören, sondern integriert werden müssen. Auf Schule bezogen bedeutet Inklusion, dass allen Kindern ungeachtet ihrer Voraussetzungen durch individuelle Förderung gleiche Bildungschancen eröffnet werden. Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 verlangt, dass Behinderte ein Recht auf Bildung in einem inklusiven Schulsystem haben. In Hessen ist das jetzt die Regel - allerdings nur, wenn die entsprechenden Ressourcen an einer Schule vorhanden sind. (wet/chr)

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