Gitarrist, Manager, Musiker

Petards-Gründer und Beat-Pionier Horst Ebert gestorben

Die Beat- und Rock-Szene in Deutschland hat einen ihrer Wegbereiter verloren. Horst Ebert starb zwei Tage nach seinem 71. Geburtstag diese Woche in Kassel. Unser Foto zeigt eine Aufnahme von 1968.

Kassel. Die Beat- und Rock-Szene in Deutschland hat einen ihrer Wegbereiter verloren. Horst Ebert, Gründer, Gitarrist und Manager der Petards, geboren am 10. Oktober 1943 in Schrecksbach in der Schwalm, starb nach schwerer Krankheit zwei Tage nach seinem 71. Geburtstag diese Woche in Kassel.

Mit seinem Bruder Klaus spielte Horst Ebert schon zu Schulzeiten 1961 in einer Skiffle & Dixie Band, den Magic Stompers. Diese entwickelte sich, wie es in jenen Jahren üblich war, allmählich zu einer Twist-und-Beat-Band, die sich zunächst Lemon Drops und später Blizzards nannte.

Der Vater war ein angesehener Arzt in Schrecksbach. 1964 entdeckte Horst Ebert zufällig in einem Lexikon den Namen Petard (Knallfrosch). Es war die Geburtsstunde einer Band, die in den nächsten acht Jahren den Status von Rockmusik und -musikern in Deutschland für immer verändern sollte. Die Ebert-Brüder machten 1965 Abitur und begannen in Marburg und Gießen zu studieren. Eigentlich wäre dies das Ende der Band gewesen, doch Ebert schaffte es, für die Gruppe in den ersten Semesterferien 27 Konzerte auszuhandeln – Gage: 200 DM (100 Euro) pro Konzert. Zum Vergleich: Ein Lehrling verdiente damals 30 DM im Monat.

The Petards: Kultband der 60er und 70er aus Nordhessen

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Die Petards hatten im Gegensatz zu den britischen Beatbands keinen Manager. Diese Funktion übernahm Horst Ebert. Es gab in Deutschland kein Rockgeschäft, wie wir es heute kennen. Dies wenigstens ansatzweise zu etablieren, blieb Ebert und seinen Kollegen aus der nordhessischen Provinz vorbehalten. Die Petards waren, wenn man so will, die erste Indie-Band. Sie schrieben eigene Stücke, waren ihre eigenen Roadies, gestalteten ihre Plakate und Plattencover selbst und organisierten die Auftritte über ihren Gitarristen Horst Ebert. Der saß nachts in seinem Zimmer und machte hunderte von Fotoabzügen, ihre Autogrammkarten.

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Sie entwarfen auch ihre Bühnenkleidung selbst und ließen sich diese nähen. Das Zubehör für ihre psychedelische Lightshow kauften sie im Kasseler Elektronikhandel und bauten es dann in Schrecksbach zusammen. Auch waren sie die erste Rockband, die in verschiedenen Theaterproduktionen mitwirkte und vermutlich die erste Band in der zwei Mitglieder wegen schütterem Haarwuchs Toupéts trugen. Ihre Singles brachten sie persönlich zu den Musikbox-Aufstellern. Vor den Konzerten besuchten sie die Schallplattengeschäfte der jeweiligen Stadt.

1968 veranstaltete Horst Ebert auf der in der Nähe von Schrecksbach gelegenen Burg Herzberg das erste Rockfestival in Deutschland, ein Jahr vor Woodstock. Auch dies war eine Pionierleistung, die bis heute wirkt. Wie so ein Festival funktionieren könnte, hatte Ebert ein Jahr zuvor in Schrecksbach geprobt. Das Mini-Festival am alten Tanzplatz unter den drei Buchen nannte er Waldbeat-Show.

Europaweite Erfolge

In ihrer Blütezeit traten die Petards als erste deutsche Band im legendären Pariser Olympia auf. Größte Popularität genossen sie auch in der damaligen Tschechoslowakei, wo zu Open Air Konzerten Tausende von Fans kamen. Hits wie „Pretty Liza“, „Golden Glass“, „Misty Island“ oder „Shoot me up to the moon“ kamen in mehreren europäischen Ländern auf Platz Eins der Charts.

Horst Ebert

Ironie des Schicksals war, dass das, was die Petards entwickelt hatten, nämlich eine Plattform für Rockmusik made in Germany, in den Folgejahren von findigen Managern in Großstädten adaptiert und in einem größeren Umfang auch kommerzialisiert wurde. Plötzlich zählte die Band aus Hamburg (Rattles, Frumpy) oder Berlin (Lords) mehr als die Jungs aus Schrecksbach.

Am 4. März 1972 feierten die Petards ihren 1000. Auftritt innerhalb von nur acht Jahren. Sechs Monate später, am 3. September, löste sich die Band auf. 1984 kam es am 9. März noch einmal zu einem Treffen der Musiker im hr-Studio in Kassel in der Sendung "Hier Studio Kassel". Doch zusammen gespielt haben sie nie wieder.

Kultkneipen in Kassel

Nach der Auflösung der Band setzte Horst Ebert sein Mathematikstudium fort, zog nach Kassel und arbeitete als einer der ersten Computerfachmänner bei Wintershall in Kassel. Wesentlich bekannter war sein „Zweitjob“: 13 Jahre betrieb der Bob-Dylan-Fan nebenher die Kneipen Knösel, Fledermaus und Paulaner Wies’n. (wd)

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