Der Journalist machte hier Abitur - Schulkameraden erinnern sich

Auf Peter Scholl-Latours Spuren in Kassel: „Peter gehörte einfach dazu“

Gruppenbild mit Eule zum Abitur: Das Bild wurde am 9. März 1943 vor der Wilhelmschule, damals noch an der Humboldtstraße aufgenommen. Der Siebte von Rechts (roter Kreis) ist Peter Scholl-Latour. Rechts neben ihm in der vorderen Reihe steht Herbert Schaub. Foto: Privat

Kassel. Der Journalist und Nahost-Experte Peter Scholl-Latour ist am Wochenende im Alter von 90 Jahren gestorben. Er hatte auch zwei Jahre seines Lebens in Kassel verbracht, wo er 1943 sein Abitur am Wilhelmsgymnasium ablegte. Wir haben ehemalige Schulkameraden aus Kassel nach ihren Erinnerungen gefragt.

Ohne Peter Scholl-Latour hätte der Abitur-Jahrgang 1943 des Kasseler Wilhelmsgymnasiums (WG) vielleicht nur halb so gut Französisch gelernt. „Er sprach besser Französisch als der Lehrer“, erinnert sich Herbert Schaub an seinen ehemaligen Mitschüler. Peter Scholl - so hieß er damals noch - war zweisprachig aufgewachsen, seine Mutter kam aus dem Elsass. Weil der Französischlehrer am WG zwar die Grammatik beherrschte, aber weniger die Aussprache, assistierte ihm der neue Schüler.

Lexikonwissen

Peter Scholl-Latour im HNA-Regiowiki

Scholl war 1941 nach Kassel gekommen, um dort sein Abitur zu machen (siehe Artikel unten). Auch wenn er erst später dazu stieß, sei Scholl voll in den Klassenverband integriert gewesen, erinnert sich Herbert Schaub. „Er war nicht der Außenseiter, der aus der Fremde kam, sondern gehörte ganz normal dazu“, sagt der 89-jährige Wehlheider.

Hat jedes Buch seines Klassenkameraden gelesen: Der Kasseler Herbert Schaub machte mit Peter Scholl-Latour Abitur. Fotos: Rudolph

Was die Mitschüler damals nicht wussten: Scholl-Latour hatte eine jüdische Mutter und hätte im Nazi-Deutschland gar nicht mehr Abitur machen dürfen. Wäre seine Herkunft aufgeflogen, wäre er vermutlich ins Konzentrationslager gekommen. Doch der couragierte Schulleiter hielt seine Hand über den jungen Mann.

Am 9. März 1943 wurde nach dem Abitur noch ein Gruppenbild geschossen, das Herbert Schaub bis heute aufbewahrt hat. Am Tag danach wurden die jungen Männer aus Kassel eingezogen. Scholl-Latour verließ das Land.

Einmal hat Schaub seinen Klassenkameraden noch wiedergesehen; das müsse 1945 gewesen sein. Nach Kriegsende versammelten sich die Heimkehrer im Porzellangeschäft Haltaufderheide an der Königsstraße, das der Familie eines Mitschülers gehörte, erinnert sich Schaub. „Da kam er eines Tages in französischer Uniform und berichtete uns, dass er bei der französischen Armee als Dolmetscher eingesetzt sei.“ Danach sei der Kontakt zu Scholl-Latour abgebrochen.

Auf Wiederhören im Radio

Wilfried Schröder

Den Werdegang ihres ehemaligen Klassenkameraden haben die Kasseler Wilhelmschüler aber verfolgt. Herbert Schaub erinnert sich noch, dass er sich in seiner Studentenzeit erstmals ein Radio leistete. „Da hörte ich plötzlich diese einprägsame, nasale Stimme und dachte: „Die kennst Du doch!“ Es sei einer der ersten Kommentare von Peter Scholl-Latour gewesen. Heute stehen alle Bücher des bekannten Journalisten im Regal von Herbert Schaub.

Die Karriere von Scholl-Latour hat auch Dr. Hans-Adolf von Hecker verfolgt, der seinerzeit die Parallelklasse besuchte. Der heute 89-Jährige, erinnert sich, dass der Schulkamerad schon damals „aus dem Rahmen des üblichen Schülerprofils herausstach“. Er habe sich nicht nur sehr gut ausdrücken können. „Er erschien mir schon damals in dieser Zeit der geistigen Unfreiheit sehr liberal, selbstbewusst und eigenständig“, sagt von Hecker.

Hans-Adolf von Hecker

Dennoch sei Scholl-Latour eher zurückhaltend gewesen, erinnert sich Dr. Wilfried Schröder an die gemeinsame Schulzeit, nicht vorlaut oder gar überheblich. Der 89-jährige Mediziner hat wie seine Mitschüler vor allem noch den gemeinsamen Französisch-Unterricht im Gedächtnis, wo Scholl-Latour glänzte.

Leider sei der prominente Schulkamerad später nie zu den Klassentreffen gekommen, bedauern die ehemaligen Wilhelmschüler. Scholl-Latour habe aber stets schriftlich abgesagt und sich wegen seiner Verpflichtungen entschuldigt.

Von Katja Rudolph

In der gedruckten Ausgabe lesen Sie auch:

- Scholl-Latours Zeugnis: In den Sprachen schon ein Talent

- Jüdische Herkunft blieb geheim: Direktor schützte Scholl-Latour vor den Nazis

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