Am Dienstag kam der Bagger

Abriss der Petzing-Fabrik: Ein Stück Industriegeschichte verschwindet

Bettenhausen. Der Abriss der alten Petzing & Hartmann-Fabrik am Leipziger Platz in Bettenhausen ist in vollem Gange. Seit Dienstag arbeitet sich ein Bagger durch die Hallen, zieht die Dachkonstruktionen aus Stahl auseinander und reißt die Seitenwände ein.

Zuvor waren die Gebäude in Handarbeit entrümpelt worden. Unmengen an Unrat und Abfall galt es getrennt zu entsorgten. Das Ordnungsamt hatte auf eine händische Entrümpelung gedrängt, nachdem Tierschützer auf die Existenz verwilderter Alt- und Jungkatzen in den Fabrikhallen hingewiesen hatten.

Der Bagger rollt an

„Insgesamt wird der Abriss der Hallen zwei Wochen dauern“, sagt Bauleiter Arne Lengemann von der Firma Schnittger. Gut 80 Prozent der 10.000 Quadratmeter großen Fläche sind überbaut. Die Unternehmensgruppe Glinicke, die das Gelände 2011 gekauft hatte, will darauf Stellflächen für Neu- und Gebrauchtwagen anlegen. Die Bauarbeiten hiefür werden im Frühjahr 2014 beginnen.

Mit dem Abriss der alten Petzing & Hartmann-Fabrik verschwindet ein gutes Stück Bettenhäuser Industriegeschichte. Martin Petzing war es, der 1922 das Unternehmen mit sechs Beschäftigten auf dem Gelände am Leipziger Platz gründete. Zusammen mit seinem Kompagnon Hartmann entwickelte und produzierte er Holzschnittbandsägen. Als Hartmann im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam, machte Martin Petzing alleine weiter. Schrittweise baute er die Firma aus, bis sie einen regelrechten Boom erlebte.

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So wurden ab 1953 neben Bandsägen für Holz auch programmierbare Bandsägen für Stahl produziert. „Das war der Durchbruch“, sagt heute Geschäftsführer Stephan Becker, der Enkel des Gründers. Die Firma wurde erweitert, die Belegschaft wuchs bis 1980 auf über 160 Mitarbeiter an – Bandsägen von Petzing & Hartmann waren in aller Welt gefragt.

Doch dann siegte die Konkurrenz aus Asien. „Wir mussten uns gesund schrumpfen“, sagt Becker, „und das kräftig.“ Die Firma spezialisierte sich auf Sondermaschinen zum Sägen von ungewöhnlichen Materialien wie Gold oder Altreifen. „Vom Holz sind wir komplett weg“, sagt Becker.

Fotos von den Abrissarbeiten

Petzing & Hartmann-Fabrik wird abgerissen

Als die Fabrik am Leipziger Platz dann zu groß wurde, zog das Unternehmen 2011 in die damals schon leer stehenden Gebäude der Apparate-Firma Schulze an der Kirchgasse 10 um, das Gelände am Leipziger Platz wurde an die Glinicke-Gruppe verkauft.

„Der Verkauf tat weh, aber er war notwendig“, sagt Becker. Heute zählt Petzing & Hartmann nur noch neun Mitarbeiter. Die aber sorgen für einen Jahresumsatz von rund einer Million Euro. Die Spezialsägen aus Bettenhausen sind nach wie vor sehr gefragt.

Von Boris Naumann

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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