„Uns geht es doch so gut wie nie“

Pfarrer Rainer Eppelmann sprach mit Schülern über die Einheit

Aufmerksame Zuhörer: In der Aula des Engelsburg-Gymnasiums diskutierte Pfarrer Rainer Eppelmann (rechts) mit Schülern zum Thema „25 Jahre deutsche Einheit“. Fotos: Zgoll

Kassel. Intensiver kann eine Unterrichtsstunde kaum sein: Am Pult in der Aula des Engelsburg-Gymnasiums steht ein Mann, der die bedeutendsten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte nicht nur erlebt, sondern sie zu großen Teilen auch aktiv mitgestaltet hat.

Wie er später seinen Stasi-Akten entnehmen musste, war dabei mehr als einmal sein Leben in Gefahr.

Der evangelische Pfarrer Rainer Eppelmann (72) ist in die Geschichtsbücher längst als DDR-Oppositioneller, Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Kämpfer bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur eingegangen.

„Liebe Danachjeborene“ beginnt er seinen Vortrag locker im Berliner Jargon: „Hofft ihr, glücklich zu werden und euer Leben nach eigenen Vorstellungen mitbestimmen zu können?“, richtet er sich an die Gymnasiasten und namentlich an die Oberstufenschüler aus dem Leistungskurs Politik und Wirtschaft (Tutor Markus Junghans), die die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Hessischen Staatskanzlei organisiert haben.

Das, was für junge Generationen in Deutschland heute selbstverständlich ist, die Freiheit der Selbstbestimmung, war in der Diktatur DDR unmöglich, erklärt Eppelmann. Auf den ersten Blick erkennt er auf den Wandzeitungen der Schüler zum Thema „25 Jahre Wiedervereinigung“ ein Versäumnis: Bei dem „Vorher“ steht unter DDR zwar „Diktatur“, aber beim „Nachher“ fehlt in der Auflistung von „Reisefreiheit“ bis „einheitliche Gesetze“ die Demokratie. „Wohl weil es für euch so selbstverständlich ist“, bringt Rainer Eppelmann Verständnis für die Schüler auf. In rhetorisch lebendigen Ausführungen führt er anhand von Beispielen vor Augen, dass eine Demokratie in der Deutschen Demokratischen Republik nicht existierte.

Zwei Diktaturen

Er selber, der im Zweiten Weltkrieg geboren ist, hat mit der Nazi-Zeit und der DDR zwei Diktaturen erlebt. Den Wert des kostbaren Guts Demokratie zu preisen, hat er sich auf die Fahnen geschrieben. Und er tut dies – zum Mitschreiben – mit einem Bonmot nach dem anderen. Freundlich beantwortet er die Fragen der Schüler: „Haben Sie während Ihres Wirkens als Oppositioneller an eine Wiedervereinigung geglaubt?“, fragt beispielsweise Christian Vastevski. „Ich habe es mir gewünscht“, sagt Eppelmann und zitiert seinen gestorbenen Freund, den tschechischen Präsidenten Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, es ist die Gewissheit, dass eine Sache gut ausgeht.“ Was passiert ist, sei ein Geschenk, „auch wenn wir dazu beigetragen haben“.

„Existiert die Grenze noch in den Köpfen?“, will Pascal Kaminiorz wissen. „Nicht alle Menschen empfinden da gleich“, antwortet Eppelmann, aber: „Es ging uns doch noch nie so gut wie heute.“ Das sieht doch jeder ein.“

Den Schülern ruft Eppelmann zum Schluss zu: „Auch eine Demokratie braucht Zivilcourage, das bedeutet Mut.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.