Seit Lebensmittelskandal

Lebensmittelskandal lässt Pferdefleisch-Nachfrage steigen

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Pferdefleisch: So gesund wie es ist, so groß sind doch die Vorbehalte. Allerdings ist die Nachfrage zumindest in Kassel gestiegen, seitdem der Lebensmittelskandal um falsche Deklarierungen Deutschland erreichte.

Kassel. Seit dem Skandal um nicht deklariertes Pferdefleisch in Fertiglasagne und Ravioli ist am Markthallen-Stand der Familie Wichart Pferdefleisch wieder mehr gefragt. „Im Grunde war es sogar Werbung“, sagt Bernd Wichart. So sei das vitaminreiche und cholesterinarme Fleisch ins Bewusstsein gerückt.

Dabei seien es mehr ältere Kunden, die sich an Pferderouladen oder -gulasch aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern. Manche Jüngere wollten es jetzt einfach mal probieren.

Es ist eine Delikatesse“, schwärmt eine 83-jährige Kasselerin, die zu den Stammkunden der Wicharts gehört. Seitdem sie als „Schiffsjunge“ auf einem Binnenschiff fuhr und in Berlin für die Mannschaft Ross-Buletten einkaufte, schätzt sie Pferdefleisch.

Auch Wilfried und Irmgard Schmidt aus Kassel haben in ihrer Jugend häufig Pferdefleisch gegessen. „Es gab oft Pferderouladen, und vor dem Kino haben wir uns eine Pferdebratwurst geholt“, erinnert sich der 78-Jährige. Man habe nicht viel Geld gehabt, und beim Rossschlachter sei es wesentlich günstiger gewesen, erzählt er. Heute steht bei dem Ehepaar nur noch selten Fleisch auf dem Speiseplan. Pferdefleisch ist nicht dabei.

Frisches Pferdefleisch im Angebot: Bernd und Johanna Wichart beziehen ihr Fleisch von ausgewählten Lieferanten. Dieses werde sehr streng kontrolliert, erläutern sie. Foto:  Heise-Thonicke

„Ich habe gehört, dass es gut schmecken soll“, sagt Beatrix Schmidt aus Gudensberg. Doch bewusst essen möchte sie dieses Produkt lieber nicht. Im Pferd sehe sie ein Tier, zu dem man eine Beziehung aufbaue. „Ich würde ja auch nicht meinen Hund oder meine Katze essen“, gibt die 50-Jährige zu bedenken.

Die Wicharts sind heute die Einzigen, die neben Geflügel, Wild und Exoten in der Markthalle noch Pferdefleisch verkaufen. „Es wird nie wieder so werden, wie es mal war“, ist der Felsberger sicher.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es allein in der Kasseler Altstadt vier Rossschlachter, erinnert sich Kassel-Chronist Hans Germandi. Der letzte, Ferdinand Neuhauer, ging als Rossschlachter in der vierten Generation 2011 in den Ruhestand. Damals schloss er die Gaststätte „Zum goldenen Fäßchen“. Pferde schlachtet der 69-Jährige heute nur noch privat, wenn Freunde ihn darum bitten.

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Hans Germandi hatte als Jugendlicher häufig dessen Vater, Karl Neuhauer, geholfen. Denn oft mussten verletzte Arbeitspferde bei Landwirten abgeholt und notgeschlachtet werden, erinnert er sich. Weil seine Eltern dagegen waren, dass er Rossschlachter wurde, lernte er später den Tischlerberuf und wurde schließlich Bautechniker.

Schon für fünf oder zehn Pfennige habe man damals eine Kochwurst bekommen, erzählt der 87-Jährige. Pferdefleisch sei fast 50 Prozent billiger als Rind oder Schwein gewesen. Vielleicht war auch das ein Grund für die sinkende Nachfrage. „Es erinnerte die Leute an die armen Zeiten“, sagt Neuhauer, der noch viele Werbesprüche von damals im Ohr hat.

Heute gehen gute Stücke hochwertigen Pferdefleischs für 12 bis 13 Euro über den Ladentisch.

Von Martina Heise-Thonicke

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