Angehörige und Altenpflegerinnen berichten

Betrug bei Kasseler Pflegediensten: So tricksen manche Anbieter

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Schwarze Schafe in der Pflege: Durch betrügerische Abrechnungen von Pflegediensten entsteht bei den Kranken- und Pflegekassen ein erheblicher finanzieller Schaden.

Gegen ambulante Pflegedienste in Kassel (Hessen) wird ermittelt. Angehörige, Betreuer und Pflegekräfte berichten.

  • Gegen Pflege-Dienste in Kassel in Nordhessen wird immer öfter ermittelt.
  • Es wurden Leistungen mit Pflege-Kassen und Sozialämtern abgerechnet, die nicht erbracht wurden.
  • Die Berichterstattung über Ermittlungen gegen mindestens sechs Kasseler Pflegedienste hat verschiedene Reaktionen ausgelöst.

Betrug bei Pflegediensten ist kein Einzelfall: Nach einem Bericht über Ermittlungen gegen ambulante Kasseler Pflegedienste haben sich Angehörige, Pflegerinnen und Pflegedienste an die HNA gewandt.

Ermittlungen gegen Pflegedienste in Kassel: Angehörige berichtet

Wenn die Eltern pflegebedürftig werden, geraten Angehörige ganz schnell unter Druck. Insofern war eine Kasselerin froh, als sie kurzfristig einen Kasseler Pflegedienst fand, der zu „einem guten Preis“ die ambulante Versorgung der Liebsten übernahm. Doch irgendwann kam der Frau das Vorgehen der Firma suspekt vor.

„Ich wurde gedrängt, dem Pflegedienst eine Vollmacht auszustellen, damit dieser direkt alle Leistungen bei der Krankenkasse beantragen konnte. Mein Eindruck war, da wurde finanziell alles ausgeschöpft, was ging“, erzählt sie. Zudem sei Druck aufgebaut worden, eine höhere Pflegestufe zu beantragen.

Dies alles sei nicht verboten, habe aber ein komisches Gefühl hinterlassen. Mit der Pflege sei sie immer zufrieden gewesen. „Aber ich fand es schon seltsam, dass die Leitung des Pflegedienstes mit sehr teuren Autos unterwegs war und ihren Reichtum in Sozialen Netzwerken zur Schau trug. Das passt irgendwie nicht.“

Der Eindruck der Angehörigen hat möglicherweise nicht getrogen. Nach Informationen der HNA laufen zwei Ermittlungsverfahren gegen den besagten Pflegedienst. Es gibt den Anfangsverdacht, dass Leistungen bei Pflegekassen abgerechnet wurden, die nicht erbracht wurden.

Gegen Pflegedienste in Kassel wird ermittelt: Betreuer berichtet

Negative Erfahrungen mit Pflegediensten hat ein Kasseler gesammelt, der sich vier Jahre lang um eine Seniorin als bevollmächtigte Pflegeperson gekümmert hat. Er hatte sich im Auftrag der betagten Dame um die ambulante Versorgung gekümmert und in der Zeit einige Dienste ausprobiert. 

Er habe viele engagierte Pflegekräfte erlebt, aber auch Fehlverhalten festgestellt: So habe es Pflegekräfte gegeben, die Tätigkeiten in den Leistungsnachweisen notiert hätten, die nicht erbracht wurden – beispielsweise, wenn die Dame gewisse Hilfen verweigert habe. „In so einem Fall darf man die Leistung dann aber nicht abrechnen.“

Auch sei es vorgekommen, dass wesentliche Arbeiten der großen Grundpflege (etwa Gebissreinigung) schlicht nicht erfolgten. Zudem sei das Berichteblatt, auf dem Auffälligkeiten bei der Pflege notiert werden, wochenlang nicht gepflegt wurden. Als ihm die Probleme auffielen, habe er sich an die Krankenkasse der Dame gewandt und diese gemeldet.

Bei einem der Pflegedienste, mit dem er schlechte Erfahrungen gesammelt hat, handelt es sich um denselben, wie bei der Angehörigen im vorher geschilderten Fall. Gegen die Betreiber laufen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kassel.

Kassel: Pflegekraft berichtet zu Ermittlungen gegen Pflegedienst

Einen tiefen Einblick in das Vorgehen mancherPflegedienste in Kassel hat eine Altenpflegerin, die sich der HNA geöffnet hat. Sie berichtet von einem Kasseler Pflegedienst, gegen den ebenfalls wegen Betruges ermittelt wird. Bei der Staatsanwaltschaft Kassel laufen nach Informationen unserer Zeitung gegen den Dienst sogar drei Verfahren wegen Betruges zum Nachteil von Kranken- und Pflegekassen sowie den Sozialämtern.

Auch in diesem Fall sollen Leistungsnachweise manipuliert worden sein. Aufgeflogen sein soll der Fall, weil eine ehemalige Angestellte aus Ärger über die Pflegedienstleitung gemeinsam mit einer Patientin die Angelegenheit der Barmer Krankenkasse gemeldet hatte. „In dem Fall sind Auffälligkeiten festgestellt worden. Sie wurden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet“, bestätigt eine Sprecherin der Barmer.

Ermittlungen gegen Pflegedienste in Kassel: Verstöße melden

Abrechnungsbetrug fügt der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung großen finanziellen Schaden zu. Daher wurden bei allen gesetzlichen Kassen, ihren Verbänden und beim GKV-Spitzenverband Stellen zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen eingerichtet. Auf der Internetseite des GKV-Spitzenverbandes (www.gkv-spitzenverband.de) gibt es ein Formular, mit dem Verstöße gemeldet werden können. 

Auch die Sozialämter sind vom Betrug betroffen. Dabei geht es um viel Geld: Insgesamt hat das Sozialamt Kassel 2019 etwa 9,6 Millionen Euro für ambulante Pflege ausbezahlt. Die Rechnungen werden monatlich vom Amt geprüft. Bei Verstößen werden die Landesverbände der Pflegekassen und der MDK informiert. „Zusätzlich werden bei den betroffenen Pflegebedürftigen angemeldete Hausbesuche und Patienteninterviews durch eine bei der Stadt Kassel eingesetzte Pflegefachkraft durchgeführt“, teilt ein Sprecher der Stadt mit. Sollten ausreichende Verdachtsmomente vorliegen, werde Strafanzeige erstattet.

Kassel: Pflegedienste wehren sich gegen Pauschalurteile

Als Andrea Graßhoff und Siegmund Kühl in der HNA über den Betrug bei Pflegediensten lasen, waren sie nicht verwundert. „Ich bin seit 1992 im Geschäft und seitdem gibt es einige Kollegen, die mauscheln. Teilweise ist das eine regelrechte Mafia“, sagt Graßhoff, die den Pflegedienst Wagner in Guxhagen führt. Gemeinsam mit Siegmund Kühl, der den Pflegedienst Kühl in Fuldabrück führt, wehrt sie sich aber gegen Pauschalurteile gegen die Branche. 

„Die meisten von uns arbeiten sauber“, sagt Kühl. Seit der Berichterstattung erleben Kühl und Graßhoff immer mal wieder Fragen von ihren Kunden. Sie versichern aber, stets nur die Leistungen abzurechnen, die auch erbracht werden. Um schwarze Schafe wirksam zu bekämpfen, müssten die Kontrollen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) anders ablaufen. „Ich finde es gut, dass der MDK seit zwei Jahren auch die Abrechnungen überprüft. Aber wenn die Akten gut aussehen, sind die Prüfer zufrieden“, sagt Graßhoff. 

Pflegedienste in Kassel: Viele Patienten sprechen Probleme nicht an

UmBetrügern auf die Schliche zu kommen, müssten die Kontrolleure – die ihre jährlichen Kontrollen aktuell einen Tag vorher ankündigen – ein bis zwei Tage auf die Touren mitfahren. Viele Patienten würden gegenüber dem MDK Probleme nicht ansprechen, ergänzt Nicole Kugler vom Pflegedienst Kühl. Die seien in der Regel froh, dass sich angesichts des Mangels an Pflegepersonal überhaupt jemand um sie kümmere. 

Aber wie laufen die Betrügereien ab? Denn schließlich muss in Hessen die Pflegedokumentation beim Kunden liegen, der die erledigten Leistungen kontrollieren kann und einmal monatlich dafür unterschreiben muss. „Wenn die Angehörigen mitspielen und die Dokumente fingiert sind, hat der MDK keine Chance“, sagt Graßhoff. Zudem sei es theoretisch möglich, die Leistungsnachweise nach erfolgter Unterschrift des Kunden noch nachträglich zu manipulieren. Deshalb sei es wichtig, ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Pflegedienst und den Kunden aufzubauen. 

Pflegedienste in Kassel: Alltag ist von Knappen Finanzen geprägt

Die korrekt arbeitenden Pflegedienste würden vor allem die andere Seite der Medaille kennen: „Die meisten von uns erbringen viele Leistungen, die nicht von den Kassen honoriert werden: Betten beziehen, Müll runterbringen. Auch die Gabe von Medikamenten wird nur dann bezahlt, wenn es eine alleinige Leistung ist“, sagt Kühl. 

Der Alltag der Pflegedienste sei in der Regel von knappen Finanzen geprägt. Die Stundenvergütung in der Pflege betrage 34 Euro. „Davon müssen wir Personal, Fuhrpark, Verwaltung und so weiter bezahlen. Das muss man schon mit Herzblut machen“, sagt Kühl.

Von Bastian Ludwig

Gegen das Wohnstift am Weinberg in Kassel wurden ebenfalls schwere Vorwürfe erhoben.

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