Pflegeeinrichtungen - „Branche ist unter Kostendruck“

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Beschäftigungstherapie: Hildegard Lange, Dorothea Baumhegel, Pflegedienstleiterin Annemarie Ottmann, Schwester Birgit Lühmann und Helene Becker (von links) im Aschrott-Altersheim. Das Heim musste seine Preise noch nicht erhöhen, aber auch dort spürt man den Kostendruck.

Kassel. Pflege bedeutet Mangelverwaltung: Während sich immer mehr Menschen die Pflege wegen sinkender Renten nicht mehr leisten können, kommen auf der anderen Seite die Pflegeeinrichtungen mit dem zur Verfügung stehenden Geld nicht hin.

Deshalb erhöhten einige Kasseler Pflegeheime und Dienste ihre Preise. Um das System aufrechtzuerhalten, musste allein die Stadt Kassel 2010 über acht Mio. Euro zuschießen.

Dass die Pflegereform an der Situation viel ändert, glaubt Angelika Trilling, Altenreferentin der Stadt, nicht. „Das mit der Reform versprochene zusätzliche Geld wird durch die Preissteigerungen teilweise aufgefressen“, sagt Trilling. Allerdings seien die Erhöhungen durch den in der Pflege-Branche gestiegenen Kostendruck nötig. Problem sei, dass insgesamt zu wenig Geld im System der Pflegekassen sei.

Niedrige Gewinnmargen

Um die etwa 8000 Pflegebedürftigen in Kassel kümmern sich neben den Angehörigen 50 ambulante Dienste und 23 Pflegeheime im Stadtgebiet. „Die Gewinnmargen sind in der Pflege extrem niedrig – wir arbeiten kostendeckend“, sagt Marcel Missler, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft stationärer Pflegeeinrichtungen in Kassel. Wegen gestiegener Personal- und Energiekosten hätten nun einige Einrichtungen ihre Preise erhöhen müssen. Da die Personalkosten 50 bis 70 Prozent der Gesamtkosten eines Seniorenheims ausmachten, schlage eine Erhöhung der Gehälter sofort auf die Preisstruktur durch. Kein Seniorenheim könne es sich erlauben, seine Preise unbegründet zu erhöhen. „Dafür ist die Konkurrenz zu groß. Jeder muss aufpassen, dass er wettbewerbsfähig bleibt.“

Manfred Mauer vom Landesverband der privaten Pflegeanbieter spricht für seine Branche von Preissteigerungen unterhalb der allgemeinen Preisentwicklung in Deutschland. „Der finanzielle Druck ist enorm. In Hessen hatten wir vergangenes Jahr 15 Insolvenzen bei Pflegdiensten.“

Letzlich bleibe es den Einrichtungen überlassen, ob sie die durch ihre Träger und Verbände ausgehandelten Vergütungserhöhungen für ihren Betrieb übernehmen. Wegen des Kostendrucks kämen viele aber nicht umhin.

Weil die Pflegeversicherung eine Art Teilkasko ist, bei der sich Betroffene und Angehörige an den Kosten beteiligen müssen, kommen immer mehr Haushalte im Pflegefall an ihre finanziellen Grenzen. Die Zahl derjenigen, die beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen, nimmt seit Jahren zu. Inzwischen erhalten diese Sozialleistung 1540 Kasseler, was die Stadt jährlich über acht Millionen Euro kostet.

Petra Brodowski, Sachgebietsleiterin Pflege beim Diakonischen Werk Kurhessen-Waldeck, nennt die Pflegereform „ein Reförmchen“. Sie habe nur dann einen Effekt, wenn das zusätzliche Geld ausschließlich zur Unterstützung Demenzkranker eingesetzt wird. Ein Aufschlag auf die allgemeinen Pflegesätze bringe für Betroffene und Angehörige kaum Entlastung.

Von Bastian Ludwig

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