Auszeichnung für Angehörigenvisite 

Pflegerin vom Kasseler Klinikum erhält Bundespflegepreis

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Wurde für ihr Konzept und die Umsetzung der Angehörigenvisite in der Gerontopsychiatrie im Haus M des Klinikums (im Hintergrund) mit dem Bundespflegepreis ausgezeichnet: Fabiana Thiele.

Kassel. Fabiana Thiele wollte schon immer in die Pflege. Besonders am Herzen liegt ihr die Arbeit mit älteren Menschen. Auf der psychiatrischen Station für Patienten ab 55 Jahren hat sie Ende 2016 eine Angehörigenvisite eingeführt.

Dafür wurde sie nun ausgezeichnet.

Eine psychische Erkrankung betrifft nie nur den Patienten, sondern immer auch seine Angehörigen, sein soziales Umfeld. Im besten Fall können Freunde und Familie stabilisierend auf Betroffene wirken und in den Therapieprozess eingebunden werden. Weil Fabiana Thiele das weiß, hat die 30-jährige Pflegerin eine Angehörigenvisite auf der Gerontopsychiatrie, also der Station für Patienten ab 55 Jahren, des Ludwig-Noll-Krankenhauses am Klinikum etabliert. Dafür wurde sie nun mit dem Bundespflegepreis ausgezeichnet.

„Es ist eine große Ehre, aber ich hätte überhaupt nicht damit gerechnet“, sagt Thiele, die seit April 2012 und somit seit der Eröffnung auf der gerontopsychiatrischen Station an der Mönchebergstraße arbeitet. Während ihrer Weiterbildung zur Fachkraft psychiatrische Pflege hatte sie das Konzept der Angehörigenvisite bei einer Exkursion in Hamburg-Ochsenzoll kennengelernt – und war so überzeugt davon, dass sie umgehend bei ihrer Stationsleitung beantragte, ein Modell für Kassel entwickeln zu dürfen. Dieses Vorhaben stieß glücklicherweise auf offene Ohren, weswegen es seit November 2016 „einen Festen Rahmen für Fragen und Anliegen der Angehörigen gibt“, wie Thiele den Kerngedanken der Angehörigenvisite umreißt.

Jeden Freitagnachmittag zwischen 14.30 und 16 Uhr besteht bei vier Terminen Zeit für Gesprächstermine und einen “Austausch auf Augenhöhe“. Mit dabei sind neben dem Patienten, seinen Angehörigen und der Pflegekraft auch der Oberarzt und die Stationsärzte. Als Angehörige gelten nicht nur Familienmitglieder, sondern auch Freunde und Nachbarn – „alle Menschen aus dem Umfeld des Erkrankten, die eine wichtige Rolle bei der Betreuung der Patienten einnehmen und positiv auf den Behandlungsverlauf einwirken können“, erklärt Thiele.

Es gehe darum, emotionalen Rückhalt für den Patienten zu schaffen und sein Selbstwertgefühl angesichts der Krankheit zu steigern. Bei Angehörigen könnte Verständnis dafür geschaffen werden, welche Verhaltensweisen auf die Krankheit und nicht auf die Persönlichkeit zurückzuführen sind. Aber auch Ärzte und Pfleger könnten von dem Austausch profitieren. „Die Angehörigen sind die Experten, die den Patienten schon viel länger kennen“, sagt die mit ihrem Mann in Staufenberg lebende Preisträgerin. Und: „Eine Angehörigenvisite ist für jede Altersgruppe sinnvoll.“

Ihren Job macht Thiele mit Leib und Seele. Für ihre Weiterbildung und das Visite-Projekt ackerte sie neben dem Job wochenlang bis spät in die Nacht und ließ sogar einen Urlaub sausen. „Ich wollte immer in die Pflege.“ Während eines FSJ im Altenheim habe sie die Arbeit mit älteren Menschen schätzen gelernt. „Sie haben Erfahrung, bringen viel an persönlicher Geschichte mit und sind auch für Kleinigkeiten sehr dankbar.“

Wichtiger als der Preis, der von der Bundesfachvereinigung leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie (BFLK) verliehen wird, sei ihr die positive Rückmeldung der Patienten und Angehörigen auf das Angebot, sagt Thiele. „Beziehung und Vertrauen sind enorm wichtig in der Psychiatriepflege.“ Beides könne durch die Angehörigenvisite gefördert werden. Seit dem Start Ende 2016 wurde die zeitliche Kapazität für die Gespräche vervierfacht. Die Angehörigenvisite sei inzwischen „im positiven Sinne überlaufen.“

Schon gewusst?

  • Etwa fünf Prozent aller 65- bis 69-Jährigen sind von einer Demenzerkrankung betroffen, bei den 80- bis 90-Jährigen fast jeder Dritte.
  • In Nordhessen sind circa 50 000 Menschen an einer Depression erkrankt. Altersdepression wird häufig im Zusammenhang mit zunehmender Vereinsamung des Betroffenen gesehen. 
  • Die Gerontopsychiatrie verfügt über 20 Plan- und zwei Notfallbetten, die fast immer komplett belegt sind.

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